Sennheiser Ambeo (Test)

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Große Erwartungen kamen schon beim Auspacken auf: „Was für ein Riesen-Ding!“, dachten wir uns, als wir den 18 Kilo schweren und gut 127 x 13 x 17 (B/H/T) Zentimeter großen Klang-riegel auf unseren TV-Tisch hievten. Gewaltig fällt auch der Preis von 2.500 Euro aus, zumal der
„Ambeo“ getaufte Klangriegel weder Rear-Boxen noch einen Subwoofer im Gepäck hat.

13 Treiber für Atmos und DTS:X

Für diesen Batzen Bares bekommt man allerdings auch einiges geboten: So sorgen nicht weniger als 13 Chassis für 3D-Sound mit Dolby Atmos und DTS:X – nativ verarbeiten kann die Ambeo-Bar 5.1.4-Kanäle. Diese verteilen sich auf eine Armada von für Soundbar-Verhältnisse großen Chassis, welche an der Front, seitlich und oben verbaut wurden: So bedienen 6 Tief-Mitteltöner mit 4 Zoll Durchmesser und konischen Zellstoff-Sandwich-Membranen den Tiefton, hinzu kommen 5 Hoch-töner mit je einem Zoll Durchmesser und Aluminium-Kuppen-Membranen für die Kanäle Front Links/Rechts, Center und die zwei Surround-Kanäle. Die beiden oberen Top-Fire-Chassis sind Breitband-Treiber, ebenso mit konischen Zellstoff-Sandwich-Membranen versehen und 3,5 Zoll groß.

Gut bestückt: Alle Anschlüsse befinden sich auf der Rückseite. Zu einem HDMI-Ausgang samt eARC gesellen sich gleich 3 HDMI-Eingänge; Ton gelangt ferner über Toslink und analoge Cinch-Buchsen in die Bar.

Wie viele Soundbar-Kollegen arbeitet die Ambeo-Bar für Raumklang nach dem Reflexions-Prinzip, bei dem Schall Richtung Wände und Decke abgestrahlt wird. Von dort gelangen die Schall-wellen via Reflexionen zum Hörplatz. Damit dies funktioniert, müssen die Raumbeschaffenheit sowie die Distanzen zwischen Bar und Hörplatz ausgelotet werden. Hierfür bedient sich Sennheiser einer Messung der raumakustischen Begebenheiten mittels Messmikrofon. Dieses sitzt in der Spitze einer langen Metallstange, die auf einem schweren Metallsockel befestigt ist. Die Gesamthöhe des Konstrukts reicht mit 70 Zentimetern aus, um bei Platzierung auf einem Stuhl oder Sofa das Mikro auf Ohrhöhe zu positionieren.

In Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut wurde die Virtualisierungs-Technologie entwickelt, die per Druck auf die AMBEO-Taste aktiviert wird und mit welcher die Soundbar 2D- wie 3D-Tonsignalen eine Extraportion Räumlichkeit verpasst. Für die DSP-Verarbeitung der Signale und die Steuerung der Bar sind zwei Dual-Core-Prozessoren mit je 500 MHz von SHARC sowie ein ARM Cortex-A7 Doppelkern-Prozessor mit 1,2 GHz zuständig.

Decoder & Klangschaltungen

An Tonformaten unterstützt die Ambeo-Soundbar praktisch alles von Dolby und DTS, inklusive DTS Neural:X und dem Dolby Virtualizer. Als Besonder-heit versteht sich der Sennheiser-Klangriegel auch auf das vom Fraunhofer-Institut entwickelte MPEG-H-Format für objekt-basiertes 3D-Audio. Das Format wurde für die Integration in Streaming- und Rundfunk-Infrastrukturen entwickelt, wobei die 3D-Audiostreams über jede Lautsprecher-Konfiguration und auch über Stereo-Kopfhörer wiedergegeben werden können.

An Klangprogrammen stehen 5 Presets plus ein „Night“-Modus fürs Leise-hören bereit; Letzterer lässt sich bei allen Klangmodi aktivieren. Jedes Programm kann zudem über einen 4-bandigen Equalizer getunt werden; dies funktioniert allerdings nur über Sennheisers „Smart Control App“. Das Gleiche gilt für die Intensität des „Ambeo“-Virtualisierungseffekts. Ambeo – wie die Raumkalibrierung und der Equalizer – funktioniert übrigens nicht in Kombination mit Dolbys Virtualizer.

Apropos Bedienung: Die mittelgroße Fernbedienung fällt überraschend schwer aus und macht einen robusten Eindruck – trotz Plastikgehäuse. Die grundlegende Bedienung kann auch über die Knöpfe an der Soundbar-Oberseite erfolgen. Die großen Tasten samt klarer Gliederung in Funktionsgruppen gefallen uns sehr gut, ebenso überzeugt die schnelle Umsetzung von Befehlen bzw. von Programmwechseln. Das recht klein geratene OLED-Display auf der Front lässt sich aus drei Metern Entfernung leider kaum mehr ablesen. Die Helligkeit passt sich automatisch dem Umgebungslicht im Raum an, kann aber auch manuell geregelt werden; ganz aus geht es aber nicht. Das hell leuchtende Ambeo-Logo rechts unten kann man hingegen gar nicht regeln, es erlischt bei nicht aktivem Ambeo-Upmixer. Auf ein Onscreen-Menü muss man ganz verzichten, trotz eines HDMI-Ausgangs. Sinnvolle Ergänzung ist die „Sennheiser Smart Controll App“, mit der sich die Bar bequem einrichten und steuern lässt. Eine Sprachsteuerung etwa über Amazon Alexa oder den Google Assisstant ist nicht möglich.

Das bringt Ambeo

Die in Zusammenarbeit mit dem Fraunhofer-Institut entstandene Virtualisierungs-Technologie Ambeo verhilft 2D- und 3D-Tonsignalen zu einer deutlich gesteigerten Räumlichkeit der Wiedergabe. Die Intensität des Raumklangeffekts kann man dreistufig („Light“, „Standard“, „Boost“) über die Sennheiser Smart Control App einstellen, nicht jedoch über die Fernbedienung.

Mit der Sennheiser Smart Control App erhält man Zugriff auf erweiterte Funktionen wie den Equalizer oder den dreistufigen Reiter zur Regelung der Intensität des Ambeo 3D-Soundeffekts.

Im Ergebnis ist der Ambeo-Sound verblüffend: Schon in der „Standard“-Stufe verteilten sich Musik und Filmton auf eine sehr große Bühne links wie rechts des Tonriegels. Bei Atmos-Trailern faszinierte die Sennheiser-Box mit einem sehr großen Surround-Feld, in dem seitlich und sogar hinter unserem Sitzplatz noch Toneffekte hörbar waren. Selbst Sound von oben konnte die Bar darstellen, wenn auch nicht über unserem Kopf sondern nach vorn versetzt. Vollwertige 5.1.2-Boxen-sets spielen freilich räumlicher, greifbarer und präziser, dennoch klang das Gebotene für eine Soundbar überaus eindrucksvoll.

Tonale Verfärbungen blieben beim Ambeo-Upmixing dankenswerterweise dezent im Hintergrund und fielen nach kurzer Zeit praktisch gar nicht mehr auf.

Ambeo-Sound: Eine ganze Armada an Treibern sorgt für 3D-Sound von vorn, seitlich, hinten und oben: Schall wird hierbei von den seitlichen und oberen Treibern – Letztere sind im Bild aufgrund der Metallgitter nicht sichtbar – zu den Seitenwänden und an die Decke geworfen, von wo aus die Toninformationen via Reflexionen zum Hörplatz gelangen sollen. Wie gut das funktioniert, hängt maßgeblich vom Hörraum bzw. dessen Wandbeschaffenheit ab.

An der Verarbeitung und Haptik der größtenteils aus Metall bestehenden Soundbar gibt es nichts auszusetzen. Die Front und Seiten umläuft ein abnehmbarer Frontgrill, der mit Stoff umspannt wurde und so die Chassis vor Staub und neugierigen Kinderhänden schützt. Dank großer Gummifüße steht die Soundbar rutschfest und vibrationsarm. Direkt vor dem TV platziert, ragt die Bar mit ihren über 13 Zentimetern Höhe aber ins Bild der meisten Flatscreen-Vertreter. Zur Wandmontage bietet Sennheiser die „Ambeo Soundbar – Wall Mount“ an, die für 60 Euro allerdings separat gekauft werden muss. Im Standby-Modus verbrauchte die Bar trotz aktiver Eco-Schaltung 3,2 Watt. Ohne den Eco-Modus, der den Bootvorgang deutlich verlangsamt, sind es sogar 6,2 Watt.

Video & Multimedia

Mit Ausnahme der Buchse für das Messmikrofon befinden sich alle Anschlüsse auf der Rückseite der Bar. Vorhanden sind ein HDMI-Ausgang inklusive eARC sowie drei HDMI-Eingänge. Alle HDMI-Terminals schleifen 4K/60p-Signale durch und beherrschen HDR10 sowie Dolby Vision für erhöhten Kontrast und erweiterte Farben von der UHD-Blu-ray. Ton kann kabelgebunden auch über Toslink und Stereo-Cinch zugespielt werden. Dank Subwoofer-Pre-out (Mono-RCA) kann man der Bar einen Krawallmacher zur Seite stellen. Gestreamt wird über WLAN und Ethernet per UPnP, Bluetooth, NFC und Google Chromecast; AirPlay fehlt hingegen.

Tonqualität Surround

Mit ihren laut Sennheiser stolzen 250 Watt (Nennleistung) ist die Ambeo-Bar auch akustisch ein gewaltiger Brocken: Das große Gehäusevolumen schlägt tonal durch und lässt die Bar nicht nur erwachsen, sondern fast wie eine ausgewachsene Standbox klingen. Die verfärbungsarme Spielweise brachte die Einmesssung nochmals auf den Punkt, eine solch natürliche Tonwiedergabe bietet kaum eine uns bekannte Soundbar. Überhaupt spielte der Riegel nach der Kalibrierung musikalischer und lebendiger, weshalb man die Prozedur auf jeden Fall durchführen sollte. Die Justierung nach persönlichem Geschmack erledigt man im 4-fach-EQ der Sennheiser-App; dank sinnvoll gewählter Frequenzen bzw. Frequenzbereiche gelangt man mit wenigen Zügen zum erwünschten Klangziel.

Einmal fertig justiert, machte auf der Ambeo-Box sogar klassische Musik Spaß – ein Kunststück, das ihr so schnell keine Soundbar nachmacht. Unsere beliebten Kantaten von Bach mit Chor und Orchester dröselte die Bar sauber auf, spielte räumlich überzeugend und tonal ausgewogen; hier hört man die Musik und nicht die Lautsprecher. Ganz andere Qualitäten sind bei Steely Dan gefragt, die rhythmische Rockmusik groovte auf der Sound-Riegel mit knackigen, sauberen Bässen und glaubhafter Dynamik. Die Sprachverständlichkeit war bei frontaler Sitzposition bestens und nahm bei seitlichen Hörwinkeln nur geringfügig ab; auch die tonalen Verfärbungen hielten sich in Grenzen.

In Sachen Räumlichkeit spielte die Bar ohne die Surround-Funktion Ambeo auf sich selbst fokussiert. Das änderte sich, sobald wir das Ambeo-Processing akivierten, denn dann wuchs der Tonbalken weit über sich hinaus und bot ein räumlich großes 3D-Schallfeld, das auch seitlich sowie von oben Töne hörbar machte. Mehr zum gelungenen AMBEO-Sound lesen Sie im Kasten unten.

Weniger Ein- bzw. Nachdruck hinterließ jedoch der Tiefbass, bei dem man Abstriche machen muss. So war der „Powerful Bass“ in Dolbys „Amaze“-Trailer kaum hörbar und schon gar nicht spürbar, während hier auch externe Zwerg-Subwoofer gerne mal kleine Erdbeben veranstalten. Wer auf Effekte-Spektakel steht, ist mit einem zusätzlichen Krawallmacher daher gut beraten.

Die 5 Klangpgrogramme unterscheiden sich tonal eher marginal, sind aber gerade auch deshalb gut geglückt, da sie den Grundcharakter der Bar nicht völlig umzukrempeln – wie das bei vielen Sound-Riegeln der Fall ist. Der bei allen Tonmodi nutzbare „Night“-Modus zur Bass- und Dynamikreduktion funktionierte bei fast allen Tonformaten – nur bei DTS:X-Sound versagte die Schaltung. 

Die Kalibrierung

Um die Soundbar optimal an die räumlichen Gegebenheiten anzupassen, bietet die AMBEO-Bar ein Einmess-System zur Kalibrierung des Klangriegels. Das hierfür benötigte Mikrofon in Form eines langen Stabes gehört zum Lieferumfang.

Das Stabmikrofon steht dank schwerer Basis von allein, bei Positionierung etwa auf einem Stuhl befindet sich der Mikrofonkopf oben rechts genau auf Ohrhöhe.

Die Einmessung läuft denkbar simpel ab und kann dankenswerterweise auch ohne App erfolgen; das Front-Display gibt Auskunft über den Ablauf: Nachdem das Mikro mit der Soundbar verbunden und senkrecht am bzw. auf dem Hörplatz platziert wurde, reicht ein 4-sekündiges Drücken der AMBEO-Taste (Fernbedienung oder am Gerät) zum Start der Einmessung. In der Folge tönen laute Ton-Sweeps für rund 2 Minuten aus dem Klangbalken, womit die Prozedur auch schon ihr Ende findet.

Manuelle bzw. nachträgliche Eingriffe wie etwa eine Nachjustierung von Pegel- und Distanzwerten der einzelnen Kanäle sind nicht möglich.

Tonqualität Stereo

Sehr ansprechend musizierte die Sennheiser-Bar mit Stereo-Musik drauf los. Dank ihrer neutralen Abstimmung lässt sich von Pop, Rock und Metal über Blues bis hin zur Klassik alles hören, ohne jemals die Nase rümpfen zu müssen. Die knackigen Bässe bilden ein voluminöses Fundament für eine lebendige und dynamische Wiedergabe, die rundum Spaß macht.

Ohne Ambeo-Upmix spielte der Riegel zwar luftig, aber auch hörbar aus der Klangbox. Ein Druck auf die Ambeo-Taste änderte dies, dann musizierte die Soundbar fast genauso groß und dreidimensional wie mit nativer Mehrkanal-Musik.           

Der Testbericht Sennheiser Ambeo (Gesamtwertung: 85, Preis/UVP: 2500 Euro) ist in audiovision Ausgabe 11-2019 erschienen.

Der entsprechende Testbericht ist in unserem Shop als PDF-Dokument zum Download erhältlich.

AV-Fazit

85 sehr gut

Auch ohne Subwoofer und Rears landet Sennheiser mit seiner ersten Soundbar einen klanglichen Volltreffer. Wer über den Platz und das nötige Kleingeld verfügt, kann bedenkenlos zuschlagen.
Andreas Oswald

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