Bowers & Wilkins 700 Series 2-Set (Test)

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Jede Menge Technologie aus ihrer Topserie 800 Diamond integrierte Bowers & Wilkins in die zweite Generation der deutlich preiswerteren 700er-Baureihe. Das Klangergebnis zeigt, warum.

Der englische Lautsprecher-Hersteller Bowers & Wilkins wurde 1966 in Worthing an der englischen Südküste gegründet und gehört zum Urgestein der Hifi-, Heimkino- und Studio-Branche. Als einer von wenigen Firmen gelang es B&W recht schnell, in allen drei unterschiedlichen Märkten Fuß zu fassen, was sich positiv auf die Bilanz auswirkte.

2016 wurde der Hersteller dann vom amerikanischen Start-up-Unternehmen EVA Automation unter Führung von Gideon Yu, der sich früher in den Chefetagen von YouTube und Facebook herumtrieb, übernommen. Im Februar dieses Jahres trennten sich die Unternehmen wieder, Bowers & Wilkins war erneut unter komplett eigener, englischer Geschäftsführung.

Doch die Briten sind nach wie vor heiß begehrt. Im Juni gab Sound United, zu dem auch Receiver-Marken wie Denon und Marantz gehören, bekannt, Bowers & Wilkins kaufen zu wollen. Hierzu sind die Verhandlungen noch im Gange. Steht zu hoffen, dass sich das Hin und Her nicht auf Entwicklung und Fertigung der Lautsprecher – immer noch das Herz des Unternehmens – ausgewirkt haben.

Technik
Die Wahrscheinlichkeit dafür ist zum Glück eher gering, verfügen die Engländer doch über einen soliden Grundstock an Technologien und Entwicklungskapazitäten, die locker ausreichen sollten, um jegliche Irritationen zu umschiffen. So entschlossen sich die Entwickler beispielsweise, das „Continuum“ genannte Membranmaterial für die Mitteltöner, das die Engländer für die Top-Serie entwickelt hatten, ebenfalls für die neue Generation der 700-Baureihe einzusetzen, die in der von uns getesteten 5.1-Kombination mit 8.500 Euro zu Buche schlägt.

Im Grunde fand sogar das komplette 15-Zentimeter-Chassis mit nur wenigen Änderungen Einzug in die Standboxen der kleineren Serie. Das gilt auch für die Art der Montage, B&W verschraubt die Mitteltöner nämlich bei der im Testset als Frontlautsprecher fungierenden Standbox 702 S2 nicht direkt mit dem Holzgehäuse, sondern entkoppelt sie schwingungstechnisch aufwändig davon. Etwas einfacher gerieten der 10-Zentimeter-Mitteltöner des Centers HTM71 S2 und die Tief­töner der Surroundboxen 706 S2, auch sie verfügen über eine Continuum-Membran, eine akustische Entkopplung gibt es hier aber nicht.

Seit Jahrzehnten setzt Bowers & Wilkins in seinen Top-Lautsprechern ein spezielles Mitteltonchassis ein, das es so von keinem anderen Hersteller gibt: Es verfügt über eine eng geflochtene Kunststoffmembran, die an ihrem äußeren Rand keine übliche Sicke aufweist, sondern schlicht nach hinten umgebogen ist.

Das Mittelton-Chassis von Bowers & Wilkins ist schon seit Jahrzehnten legendär. Mit Hilfe der Continuum-Membran konnten die Engländer es nochmals verbessern.

Mit dieser Kombination aus hartem, steifem Material sowie per Computersimulation und vielen Messungen optimierten Form konnte dieser Mitteltöner ganze Generationen von Hifi- und Heimkino-Fans und sogar Aufnahmetechniker überzeugen.

Bis vor einigen Jahren setzte B&W für diesen Treiber die Aramidfaser Kevlar ein, deren gelbe Farbe ein Erkennungsmerkmal dieses Treibers war. Jahrelange Forschungen brachten allerdings ein neues, noch besseres Material zutage, über dessen Zusammensetzung sich der Hersteller bislang ausschweigt. Im Jahr 2015 brachten die Engländer dieses „Continuum“ genannte Material mit der 800 Diamond-Serie auf den Markt und ließen es nach und nach auch in die kleineren Serien einfließen.

Bei der 702 S2 kam ein weiteres Schmankerl aus der großen Serie dazu: Bei ihr montieren die Briten das Chassis nicht starr mit dem Gehäuse, sondern entkoppeln es akustisch komplett. Störende Vibrationen können so weder vom Gehäuse aus in den Mitteltöner gelangen noch anders herum vom Treiber auf das Gehäuse übertragen werden.

In Sachen Hochtöner ist Bowers & Wilkins schon lange seine eigenen Wege gegangen, der wurde in den Top-Lautsprechern in eine eigene kleine Behausung auf der eigentlichen Box gesetzt, um eine möglichst wenig von Gehäusekantenreflexionen beeinträchtigte Abstrahlung zu erreichen. Diesen Kniff setzten die Briten auch bei der 702 S2 ein. Dabei übernahmen sie in Sachen Form – länglich und sich stromlinienförmig nach hinten verjüngend – sowie Material, nämlich aus dem Vollen gefrästes und damit besonders resonanzarmes Aluminium – die Technologie aus der 800er-Serie.

Für das Membranmaterial gilt das – aus verständlichen Gründen – nicht: Die schon legendäre Diamant-Kalotte ist dafür in der Herstellung einfach zu teuer. Deren Grundstoff – Kohlenstoff – lässt sich aber auch mit preiswerteren Fertigungsmethoden zu einem Material verarbeiten, das extrem stabil und leicht ausfällt: Bricht die hier verwendete Carbon-Kalotte doch erst bei 47 Kilohertz in Resonanzen auf, was mit herkömmlichen Materialien wie Aluminium oder Titan nicht zu erreichen ist.

Die Explosionszeichnung der 702 S2 lässt erahnen, wie viel Aufwand der Hersteller bei Entwicklung und Montage seiner Lautsprecher getrieben hat.

Innen ist das Hochtongehäuse so ausgedreht, dass sich der von der Membran rückseitig abgegebene Schall totlaufen und vollständig absorbiert werden soll. Es ist nicht starr mit der Box verbunden, sondern ebenfalls akustisch entkoppelt. Das gilt im Übrigen auch bei Center und Surrounds, wo der Hochtöner zwar auf der Schallwand montiert ist, aber ebenfalls über eine Entkopplung verfügt.

Ebenfalls etwas Besonderes setzt Bowers & Wilkins für die Membranen der Tieftöner ein: sogenannten syntaktischen Schaum nämlich, ein Material, das aus winzigen Hohlkugeln eines Grundstoffes besteht, die in eine Harz- oder Polyester­matrix eingebunden sind. Syntaktischer Schaum wird – da besonders leicht und steif – häufig in der Luft- und Raumfahrtindustrie eingesetzt, weshalb der Hersteller den Membranen den Namen „Aerofoil“ verpasste.

Mit dessen Hilfe waren die Entwickler in der Lage, die Dicke der Membran ganz definiert über ihren Durchmesser zu verändern und so das Schwingungs- und Resonanzverhalten zu optimieren. Die Standboxen weisen gleich je drei dieser Tieftöner mit jeweils 16 Zentimetern Durchmesser auf, der Center kann mit zweien aufwarten.

Der Subwoofer DB4S bringt ebenfalls einen Aerofoil-Treiber mit, hier mit 25 Zentimeter Durchmesser. Er sitzt auf der Gehäusefront und wird über einen 1.000-Watt-Schaltverstärker mit Leistung versorgt. Außer einem Ein-Aus-Schalter hat er keinerlei Bedienelemente an Bord, sämtliche Justage-Arbeiten erfolgen über die Smartphone-App DBSubwoofers, die fürs iPhone und Android-Handys erhältlich ist.

Tonqualität Surround
Mit 20 Hertz unterer Grenzfrequenz stellt der Sub satten Tiefgang unter Beweis und lässt sich auch mit 102 Dezibel Maximalpegel nicht lumpen. Bei den Frequenzgang-Messungen gaben sich vor allem Front- und Centerboxen aber etwas zickig. Erst etwas Experimentieren machte deutlich, dass die Entwickler die Lautsprecher nicht wie üblich auf die Abstrahlachse des Hochtöners abgestimmt haben, sondern auf die des Mitteltöners. Bei den 702 S2 ist das nachvollziehbar, da sitzen die Mitteltöner auch weit oben. Der Center sollte immer entsprechend nach oben angewinkelt werden.

Auch unter optimalen Bedingungen verliefen die Frequenzgänge der B&W vergleichsweise unruhig. Vorbildlich war jedoch, wie bei der Dreiweg-Bauweise zu erwarten, das Rundstrahldiagramm. Leicht bedenklich stimmte uns hingegen die mit 2,9 respektive 2,7 Ohm recht niedrige Minimal­impedanz von Frontboxen und Center. Schwachbrüstige Verstärker haben aber an einem Set dieser Preisklasse sowieso nichts zu suchen, also sind Probleme nicht zu erwarten.

Ähnlich divenhaft wie bei den Messungen erwies sich die Kombi aus England auch im Hörtest: Erst nachdem Frontboxen und Center so ausgerichtet waren, dass der Mitteltöner jeweils genau auf den Hörplatz zeigte – dabei war auch ein leichtes Kippen der Lautsprecher nach hinten nötig – spielte das Set seine Klangkünste voll aus.

Dies ist kein Zeppelin, sondern der Hochtöner der 702 S2 samt Aluminium-Gehäuse. Er wird nicht starr, sondern sozusagen schwimmend auf der Box montiert.

Und die sind wahrhaftig nicht von schlechten Eltern: Jane Monheit und John Pizarelli stellen sie bei ihrem „They Can´t Take That Away From Me“ genauso realistisch und fein durchhörbar in den Raum wie den „Appalachian Spring“ von der Boston Symphony, jede Stimme, jedes Instrument steht genau und stabil in der richtigen Größe am richtigen Platz. Und das Ganze passiert mühelos, ohne dass sich der Zuhörer im Geringsten anstrengen muss – einfach klasse.

Der Subwoofer DB4 von Bowers & Wilkins lässt sich ausschließlich per Smartphone-App justieren und bedienen, am Gerät selbst ist lediglich eine Ein-Ausschalt-Taste vorhanden. Smartphones sind heutzutage zum Glück derart weit verbreitet, dass dies keine unzumutbare Hürde für den Anwender darstellt, zumal es im Alltag selten notwendig wird, an der einmal vorgenommenen Einstellung, mit der man zufrieden ist, etwas zu ändern.

Die korrekten Subwoofer-Einstellungen für alle aktuellen Lautsprecher von Bowers & Wilkins sind schon in der App eingespeichert. Wer selbst Hand an Trennfrequenz und Flankensteilheit legen will, kann das über ein entsprechendes Menü ebenfalls tun.

Sollte dies doch einmal nötig sein, ist die DBSubwoofers-App der Engländer so einfach und sinnvoll strukturiert, dass auch Anwender mit geringen Kenntnissen damit zurechtkommen. Für die meisten hauseigenen Lautsprecher hat B&W schon die empfehlenswerte Grundkonfiguration in der App hinterlegt, sodass sich die Justage auf die Wahl der richtigen Box sowie die Einstellung des Pegels beschränkt. Bei Lautsprechern anderer Hersteller lässt die App aber auch die freie Wahl von Filter-Flankensteilheit, Trennfrequenz und Phase zu, sodass sich immer eine passende Einstellung finden lassen sollte. Über den Menüpunkt „Room EQ“ lässt sich darüber hinaus auch noch eine automatische Einmessung anstoßen, die das im Smartphone eingebaute Mikrofon nutzt.

Beeindruckend auch, mit welcher Dynamik das Set Omar Hakims „Listen Up“ zum Besten gibt, ganz egal, wie energisch Hakim auf die Fußmaschine seiner Bassdrum tritt, der Subwoofer geht das ansatzlos mit. Diese Aufnahme ist so gemischt, dass der Zuhörer vermeintlich mitten in der Band sitzt, was das B&W-Set mit seiner räumlichen Darstellung zu einem außergewöhnlichen Erlebnis werden lässt.

Auch bei der ganz groben Kelle – in diesem Fall „Terminator – Die Erlösung“ – schüttelt das Set auch gemeine Bassimpulse präzise und sehr tiefreichend aus dem Ärmel, ohne dass irgendwo Kompression oder gar Verzerrungen hörbar werden.

Die Basstreiber der 702 S2 verfügen über einen üppigen Magnetantrieb und einen stabilen Korb aus Aluminium-Druckguss. Die Membran besteht aus speziellem Schaum-Material.

Tonqualität Stereo
Dass die 702 S2 im Stereobetrieb auch ohne Subwoofer auskommen, glaubt man angesichts der insgesamt sechs Tieftontreiber gerne. Basspower ist aber nur ein kleiner Teil dessen, was sie wirklich zu bieten haben, nämlich eine absolut saubere und engagierte Darbietung, die beispielsweise „Hello“ von Adele zum echten Erlebnis werden lässt. Ganz ohne Verfärbungen kommt die Stimme der Engländerin nicht, an die gewöhnt man sich aber schnell und vergisst sie komplett.

Der Testbericht Bowers & Wilkins 700 Series 2-Set (Gesamtwertung: 91, Preis/UVP: 8500 Euro) ist in audiovision Ausgabe 11-2020 erschienen.

Der entsprechende Testbericht ist in unserem Shop als PDF-Dokument zum Download erhältlich.

AV-Fazit

91 sehr gut

Das 700 Series 2-Set von Bowers & Wilkins spielt sich mit seiner überragenden Klang-Performance geradewegs in unsere Referenzklasse. Da nimmt man ihm seine suboptimalen Messwerte und die geforderte Verstärkerleistung nicht übel.

REFERENZKLASSE

Michael Nothnagel

1 Kommentar

  1. Danke für den Test AV 🙂
    Ich bin echt hin- und hergerissen. Seit Jahrzehnten unumstößlicher Dynaudio-Hörer und hätte echt mal „Bock“ auf B&W 🧐

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