Arcam FMJ AVR550 (Test)

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Schon Arcams Flaggschiff AVR850 begeisterte uns (Test in Ausgabe 4-2016). Nun steht mit dem AVR550 ein Receiver der audiophilen Briten im Labor, der mit 3.300 Euro auf dem Preisschild immerhin 2.200 Euro weniger kostet. Wurde hier vielleicht an den falschen Stellen gespart?

„Class-AB“ statt „Class-G“

Arcam_FMJAVR550_PCNein, denn die Unterschiede liegen fast ausschließlich tief in den Verstärker-Eingeweiden. So zeichnet für einen Teil der Kostenersparnis der einfachere Endstufen-Aufbau verantwortlich: Statt auf die für Arcam typische, jedoch komplizierte und daher nur selten anzutreffende „Class-G“-Bauweise für eine bestmögliche Energie-/Leistungsausbeute setzt der AVR550 auf das vielfach bewährte „Class AB“-Prinzip – das einen guten Kompromiss zwischen Leistung, Verzerrungen und Energieeffizienz gewährleistet.

Ferner gibt Arcam rund zehn Watt weniger Leistung pro Kanal an. Auf der Rückseite haben die Briten zudem die vergoldeten Metall-Boxenterminals des AVR850 gegen Standard-Schraubklemmen aus Plastik getauscht.

Ausstattung & Praxis

Bei der Anschlussvielfalt und der übrigen Ausstattung zeigt sich der AVR550 dagegen weitgehend identisch zum AVR850: Bildtechnisch versteht sich das Videoboard auf HDMI 2.0a samt HDR und den Kopierschutz HDCP 2.2. Auf Tonseite ist Dolby Atmos ab Werk an Bord, DTS:X kann man über ein noch ausstehendes Firmware-Update nachrüsten (einen Zeitpunkt dafür hat Arcam noch nicht terminiert). Auros Sound-Dekoder bleibt außen vor, den bieten bislang nur die Top-Modelle von Marantz und Denon. Auf Raumklang-Programme zur Nachahmung bekannter Konzertsäle verzichtet der Brite, Stereo-Quellen lassen sich mit Dolbys Surround-Upmixer und DTS Neo:6 auf Mehr-kanalton aufblasen. Ein manueller Equalizer fehlt (das kostet Punkte), die Einmessung der Lautsprecher erfolgt über Arcams neue Automatik „Dirac Live“ (siehe Kasten „Die Dirac Live-Einmessung des Arcam“), welche das bisherige Messsystem „Room EQ“ ersetzt.

Nicht optimal erscheint angesichts des stolzen Preises die Implementierung von lediglich sieben Endstufen. So beschallt der Arcam standardmäßig nur 5.1-Sets plus zwei weitere Lautsprecher, die man wahlweise als Back-Surrounds, Höhenboxen oder für die Beschallung eines Nebenraums nutzen kann. Für ausgewachsene Dolby Atmos- bzw. DTS:X-Systeme mit 7.2.4-Kanälen sind lobens-werterweise Pre-outs zum Anschluss externer Verstärker vorhanden.

Die gut in der Hand liegende Fernbedienung leuchtet bei Tastendruck und ist programmierbar. Die Tasten sind angenehm groß und sinnvoll nach Funktionsgruppen unterteilt.

Die gut in der Hand liegende Fernbedienung leuchtet bei Tastendruck und ist programmierbar. Die Tasten sind angenehm groß und sinnvoll nach Funktionsgruppen unterteilt.

Die Höhenboxen lassen sich als große und kleine Dolby-Aufsatzboxen bzw. als Deckenboxen definieren.

Die Höhenboxen lassen sich als große und kleine Dolby-Aufsatzboxen bzw. als Deckenboxen definieren.

Mit Digitalradio: Der Arcam ist mit einem Empfänger für den UKW-Nachfolger DAB+ ausgerüstet.

Mit Digitalradio: Der Arcam ist mit einem Empfänger für den UKW-Nachfolger DAB+ ausgerüstet.

Das Boxen-Setup erfolgt im Menü „Lautsprecherarten“. Dort werden die Boxen-Größe bzw. -Position definiert, die Crossover-Frequenzen lassen sich nur gemeinsam für alle Lautsprecher von 40 bis 110 Hertz einstellen. Ausnahme: Dolby-Enabled-Speaker bekommen eigene Trennfrequenzen spendiert. Die Pegeljustage fällt mit 0,5db-Werten optimal aus, die Distanzen der Lautsprecher zum Hörplatz könnten mit 1-Zoll-Schritten (2,54 Zentimeter) dagegen etwas feiner sein – Abstandswerte von einem Zentimeter fänden wir besser.

Mit „Dirac Live“ verbaut Arcam eines der leistungsfähigsten Einmess-Systeme. Allerdings fällt auch der Aufwand bei der Einmessung höher aus als bei den Lösungen der meisten Mitbewerber.

Voraussetzung ist ein PC- bzw. Apple-Computer, auf dem die „Dirac Live“-Software installiert wird; diese kann man kostenlos von der Arcam-Webseite (www.arcam.co.uk) herunter­laden. Für die Kommunikation untereinander müssen sich der PC und der AVR550 im gleichen Netzwerk befinden, im Menü des Receivers ist zudem unter „Allgemeiner Setup“ bei „Steuerung“ der Reiter auf „IP“ zu setzen. Über USB verbindet man die mitgelieferte Mini-Soundkarte, an die das Mikrofon gestöpselt wird, mit dem PC. Vor der Einmessung muss am Receiver die Basis-Boxenkonfiguration (Anzahl, Größe, Crossover) vorgenommen werden. Ist alles eingerichtet, erkennt das Programm beim Start automatisch den AV-Receiver-Typ („AVR550“) sowie das Boxen-Setup (in unserem Test „7.1“).

Die englischen (eine deutsche Sprachversion ist leider nicht erhältlich) Anweisungen führen durch die Einmessung: Nach der Einpe­gelung des Mikrofons und der Testtöne sowie der Wahl des Sitzplatzes (Stuhl, Sofa, Auditorium) ermitteln Testtöne in rund 15 Minuten die Frequenzgänge (BLAU) aller Lautsprecher, die am Ende grafisch angezeigt werden. Ein Klick auf den „Optimize“-Button startet die Frequenzgang-Entzerrung auf Basis einer zuvor definierten Zielkurve (ORANGE). Diese wird per Aktivierung der Checkbox „Target“ angezeigt und – der Clou – kann nach individuellen Wünschen gestaltet werden. Hierfür stehen frei definierbare Anker­punkte zur Verfügung, die sich nach persönlichen Hörvorlieben verschieben lassen. Nach der Berechnung wird auch der korrigierte Frequenzgang (GRÜN) angezeigt.

Im finalen Schritt werden die neu ermittelten Kurven als Projekt gespeichert und auf den Receiver übertragen. Da sich beliebig viele Zielkurven definieren und speichern lassen, kann man sich nach und nach an seinen Wunschklang herantasten. Das kostet Zeit, ist aber die Mühe wert.

„Dirac Live“: Nach der Einmessung und Optimierung werden – wie hier am Beispiel der Front-Kanäle – die ursprünglichen (BLAU) und korrigierten (GRÜN) Frequenzgänge sowie die frei definierbare Zielkurve angezeigt.

„Dirac Live“: Nach der Einmessung und Optimierung werden – wie hier am Beispiel der Front-Kanäle – die
ursprünglichen (BLAU) und korrigierten (GRÜN) Frequenzgänge sowie die frei definierbare Zielkurve angezeigt.

Video & Multimedia

Die Videosektion bietet sieben HDMI-Eingänge von denen einer auch MHL-tauglich ist. Einer der drei HDMI-Ausgänge kann ein separates Signal an einen Nebenraum senden. Auf analoge Videobuchsen muss man bei Arcam ganz verzichten, ebenso auf einen Video-Equalizer, die Skalierfunktion rechnet lediglich 1080p-Quellen auf 4K hoch. Über die Lippensynchronisation lässt sich asynchroner Ton zwischen 0 und 250 ms verzögern.

Die Drahtlos-Übertragung genießt bei Arcam offenbar nicht den höchsten Stellenwert, denn auf integriertes WiFi verzichtet der AVR550 ebenso wie auf Bluetooth und AirPlay – Punktabzug. Für Musik von Internet-Radios, Spotify oder einem Datenserver via UPnP ist zumindest eine LAN-Buchse vorhanden. Ein Highlight und eine Seltenheit ist der digitale DAB+ Radioempfänger, zudem nimmt der Arcam Musik über die USB-Buchse entgegen. Hier spielt der Amp die gängigen Dateiformate, verweigerte aber unsere ALAC-, DSD- und Mehrkanal-FLAC-Dateien sowie Hi-Res-Musik (96 Khz/24 Bit).

Wie sein großer Bruder fasziniert der Arcam AVR550 mit Top-Klang und einer professionellen Einmess-Automatik. Dank 4K-Kompatibilität und 3D-Sound ist der Brite auch zukunftssicher, bei der Wireless-Ausstattung herrscht allerdings noch Nachholbedarf.

Wie sein großer Bruder fasziniert der Arcam AVR550 mit Top-Klang und einer professionellen Einmess-Automatik. Dank 4K-Kompatibilität und 3D-Sound ist der Brite auch zukunftssicher, bei der Wireless-Ausstattung herrscht allerdings noch Nachholbedarf.

Tonqualität Surround

Bei der Leistungsmessung bot der AVR550 mit 121 Watt (5-Kanal) und 96 Watt (7-Kanal) an 6-Ohm-Lasten in etwa die Leistung des Vorgängers AVR450. Bei vier Ohm sind jedoch Ein-bußen zu verzeichnen, rund 70 Watt weniger im Stereo- und 30 Watt im 5-Kanalbetrieb. Dennoch reicht die Power selbst für richtig große Heimkinos locker aus. Mit 278 Watt liegt der durchschnittliche Stromverbrauch etwa 65 Watt höher als beim AVR850.

Im Sound-Check begeisterte der Arcam schon vor der Lautsprecher-Einmessung mit seinem fein aufgelösten, lebendigen und druckvollen Sound, wie der Bolide eindrucksvoll bei Steely Dans Mehrkanalmix von „Janie Runaway“ bewies. Die Einmessung mit Dirac dauerte ca. 30 Minuten und stellte die Werte für alle Lautsprecher plausibel ein. Manuelle Nachkorrekturen der Boxen-Pegel und -Distanzen sind bei aktiviertem Dirac übrigens nicht möglich, was unpraktisch ist – falls man zum Beispiel dem Woofer etwas mehr Druck verleihen möchte. Nach der Einmessung spielte der Arcam noch stimmiger, größer und tonal angenehmer in unserem Hörraum. So klangen die Naturgeräusche in Dolbys „Amaze“-Trailer realistischer, der Sound löste sich mühelos von den Boxen und schwebte luftig im großzügig dimensionierten Raum. Dabei kippte der Klang nie ins Stressige bzw. Spitze.

Im Stereo-Hörtest stellte der Arcam Norah Jones geschmeidige Stimme von der CD „Come away with me“ wunderbar körperhaft und bombenfest zwischen unseren Boxen. Fantastisch auch, wie leichtfüßig der AVR550 den Bassläufen bei Christy Barons „Ain‘t no sunshine“ grob- wie feindynamisch folgte. Richtig Pfeffer hatte zudem Michael Jacksons „Bad“, das mit der nötigen Impulsivität, Schnelligkeit und Feinauflösung dem Hörer regelrecht entgegen sprang. Große Klasse! ao      

arcam-avr550-front

Arcam_FMJAVR550_Wertung

AuVi_AWARD-Referenz

Der Testbericht Arcam FMJAVR550 (Gesamtwertung: 92, Preis/UVP: 3300 Euro) ist in audiovision Ausgabe 7-2016 erschienen.

Der entsprechende Testbericht ist in unserem Shop als PDF-Dokument zum Download erhältlich.

AV-Fazit

92 sehr gut

Wie sein großer Bruder fasziniert der Arcam AVR550 mit Top-Klang und einer professionellen Einmess-Automatik. Dank 4K-Kompatibilität und 3D-Sound ist der Brite auch zukunftssicher, bei der Wireless-Ausstattung herrscht allerdings noch Nachholbedarf.

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