Pioneer SC-LX704 (Test)

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Die großen Tasten der gut in der Hand liegenden Fernbedienung sind beleuchtet und wurden sinnvoll nach Funktionsgruppen gegliedert.

„Der zweite Platz ist der erste Verlierer“ sagt ein Sprichwort. Für so manchen Heimkino-Freund könnte Pioneers zweitgrößter AV-Receiver SC-LX704 trotzdem die erste Wahl sein, denn nicht jeder benötigt das volle Programm in Sachen Ausstattung und Leistung. Essenzielle Unterschiede im Vergleich zum erst kürzlich getesteten SC-LX904 tun sich in erster Linie bei den Endstufen auf. Bietet der große Bruder 11 integrierte Leistungsverstärker, muss der SCLX704 mit 9 Endstufen und etwas weniger Watt auskommen, die im Alltag aber immer noch locker ausreichen. Zudem verzichtet Pioneers zweitdickstes Ding auf die vergoldeten Anschlussbuchsen des Spitzenmodells, was in der Praxis allerdings keine Rolle spielt. Denn klanglich bietet das Gold keine Vorteile, der bessere Schutz vor Korrosion ist selbst nach Jahrzehnten zu vernachlässigen.

Ein nicht zu vernachlässigendes Argument ist hingegen der Preis: Mit 1.800 Euro kostet der in Schwarz und Silber erhältliche LX704 satte 900 Euro weniger als der LX904 – die beiden zusätzlichen Endstufen lässt sich Pioneer also gut bezahlen.

Der Rest vom Fest ist weitgehend gleich zum Spitzenmodell, selbst der innere Aufbau sieht für unsere Augen identisch aus. Zu den Ausstattungs-Highlights zählen Pioneers Einmess-Automatik MCACC in der ausgefeilten „PRO“-Variante, die 11.2-Kanalverarbeitung, üppige Streaming-Optionen und 4K-Video. Doch immer der Reihe nach.

Neuerungen & Verbesserungen

Im Vergleich zum Vorgänger SC-LX701 (Test in Ausgabe 3-2017) hat sich einiges getan: Neu ist die Wiedergabe von IMAX-Enhanced-Inhalten auf Basis von DTS:X via Metadaten. Hinzugekommen ist zudem der Dolby Height Virtualizer, der 3D-Sound ohne Höhenboxen verspricht.

Für Klangpuristen hat Pioneer zwei neue Funktionen zur Abschaltung tonbeeinflussender Bauteile implementiert: So lässt sich zum einen der Videostream bei HDMI-Signalen deaktivieren („Audio Exclusive Mode“), zum anderen kappt der LX704 auf Wunsch Netzwerk-Funktionen, um Interferenzen zu minimieren. („AV Direct Mode“). Verbesserungen bringt auch die Einmess-Automatik MCACC PRO mit, die jetzt 9 statt wie bisher 1 bzw. 3 Messpunkte berücksichtigt und in der qualitativ höchsten PRO-Variante mit zahlreichen Filtern zur Klangkorrektur aufwartet. Als D/AWandler arbeiten im SC-LX704 zwei ES9026Pro mit 384 kHz/32 Bit von ESS Technology – es sind die gleichen wie im LX904, hier muss man also nicht mit Klangeinbußen rechnen.

In Sachen Streaming waren Pioneer-Geräte schon immer manigfaltig unterwegs: Von Chromecast, DTS Play-Fi und AirPlay 2 über Bluetooth bis hin zu zahlreichen Musikdiensten und Multiroom-Vernetzungs-Optionen ist alles an Bord. Die Steuerung erfolgt am besten über Pioneers „Remote

App“ oder die „Music Control“-App. Wer kompatible Smart-Speaker besitzt, kann den Receiver via Amazon Alexa und Google Assistant mit Sprachbefehlen steuern. Bei der Endstufen-Technik setzt Pioneer wie bisher auf seine „Direct Energy HD-Verstärker“, die nach dem Prinzip der Class-D-Verstärkung arbeiten. Eine maximale Leistungsausbeute bei geringer Wärmeentwicklung und niedrigem Stromverbrauch gehören zu den Kernmerkmalen der Technik. Um Interferenzen, die bei der Signalwandlung entstehen abzuschirmen, sitzen die 9 Endstufen gekapselt in einem Metallkäfig.

Pioneer setzt auf die Klasse-D-Verstärkertechnik, welche
die Japaner in Modellen der hochwertigen SC-Reihe verbauen.

Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff und wo liegen die Vor- und Nachteile? Die Grafi k zeigt den
prinzipiellen Aufbau eines solchen Verstärkers: Das Audiosignal wird als Erstes dem Hochfrequenz-
Modulator (1) zugeführt, der es in eine schnelle Abfolge aus Rechteck-Impulsen umformt. Anschließend verstärken Leistungstransistoren (2) das pulsweitenmodulierte HF-Signal auf die für die Lautsprecher benötigten Spannungen. Ein Tiefpassfilter (3) entfernt das HF-Trägersignal wieder, wodurch das Audiosignal übrig bleibt, mit
dem die Lautsprecher (4) gefüttert werden.

Prinzipschaltbild eines Class-D-Verstärkers mit Modulator (1), Verstärker (2), Filter (3) und Lautsprecher (4).

Doch warum verstärkt das Signal nicht direkt? Durch den Trick nimmt die Verstärkerstufe nur die Zustände „an“ und „aus“ ein – daher bezeichnet man Class-D-Amps auch als Schaltverstärker. Weil der Transistor in den „Aus“-Phasen keinen Strom braucht, fließt fast die gesamte Energie in die Signalverstärkung. Das bedeutet: geringer Verbrauch, wenig Erwärmung und viel Leistung. Dem Effizienzplus stehen Nachteile gegenüber, die
Pioneer per Gegenmaßnahmen bekämpft: Durch die schnellen Schaltzeiten entstehen Radiowellen – wäre die Endstufensektion nicht mit einem Metall-Käfig und Filtern versehen, würden die Boxenkabel wie Antennen wirken und Funkstörungen verursachen. Das Filter wiederum kann abhängig von der Boxenimpedanz den Frequenzgang im Hochtonbereich ändern. Hörbar ist das aber normalerweise nicht, zumal man mit den Klangreglern gegensteuern kann. Der gegenüber konventionellen Verstärkern minimal erhöhte Klirrgrad lässt sich ebenfalls messtechnisch nachweisen, aber nicht wirklich hören.

An Ton-Decodern sind Dolby Atmos und DTS:X an Bord, das zu Unrecht stiefmütterlich behandelte Auro 3D ignoriert Pioneer leider noch immer – wie viele andere Hersteller auch. Apropos Wunschliste: Auf dieser stehen neben Auro auch ein DAB+ Tuner und HDMI-2.1-Schnittstellen; Letztere sollten mit der nächsten Geräte-Generation Einzug halten. Bei allen Herstellern unklar bleibt die Implementierung von HDR10+, zumal das von Samsung eingeführte HDR-Format im Moment am Markt einen schweren Stand hat. Um auf der sicheren Seite zu sein, wäre eine Unterstützung aber trotzdem wünschenswert.

Ausstattung und Technik

Rein äußerlich sieht der LX704 dem LX904 zum Verwechseln ähnlich und auch bei der ausgezeichneten Verarbeitung des Vollmetall-Gehäuses gibt es keine Unterschiede. Einige Konkurrenten betreiben in dieser Preisklasse allerdings noch etwas mehr Materialaufwand. Hinter der Frontklappe, die außen aus Aluminium, aber innen aus Plastik besteht, verbergen sich Bedientasten sowie Buchsen für USB, HDMI und Kopfhörer.

Mit 7 HDMI-Eingängen (einer vorn) und 3 HDMI-Ausgängen sowie 2 Koax- und 3 Toslink-Buchsen gibt es viele Digitalanschlüsse. Analoge Video-Inputs sind ebenso vorhanden wie ein Phono-Eingang. Zu den 11 Boxenterminals gesellen sich 11.2-Pre-outs. Radio empfängt der Receiver auch analog, einen DAB+ Tuner besitzt der LX704 leider nicht.

Auf der Rückseite klotzt der LX704 mit den gleichen Anschlüssen wie der große Bruder; auch 11 Boxen-Terminals sind vorhanden. Welche 9 davon angesteuert werden, bestimmt man im Boxen-Setup. 11.2-Kanalton gibt der LX704 über seine Vorverstärkerausgänge aus – hier sind Hersteller wie Denon aber schon bei 15.2-Kanälen angelangt. Neben 5 digitalen wie 6 analogen Anschlüssen ist auch eine Phono-Buchse für den wieder lieb gewonnenen Plattenspieler vorhanden. Für zwei Nebenräume gibt es Cinch-Pre-outs bzw. als Neuerung einen Line-out, der das Tonsignal der Hauptzone liefert – etwa an einen Sender für Wireless-Kopfhörer.

Via HDMI unterstützt der LX904 das von Pioneer entwickelte PQLS (Precision Quartz Lock System), das im Zusammenspiel mit den UHD-Blu-ray-Playern UDP-LX800 und UDP-LX500 die negativen Auswirkungen von Jitter bei der HDMI-Übertragung minimieren soll.

Boxen-Setup und Decoder

Die Konfiguration des LX704 erlaubt die aktive Beschallung von zwei Nebenzonen oder zwei Paar Frontboxen, sofern man nicht alle Endstufen für ein 5.1.4- oder 7.1.2-Setup nutzt. Auch zwei Subwoofer kann man beliefern, die sogar getrennt in Abstand und Pegel regelbar sind; letztere beiden sind für alle Boxen in 1-Zentimeter-Einheiten bzw. 0,5-dB-Schritten einstellbar. Zur Perfektion fehlt nur noch die getrennte Regelung aller Crossover- Frequenzen, stattdessen darf man nur einmal für alle Boxen die Bass-Trennfrequenz definieren.

„Manuelles MCACC“: Neben der vollautomatischen Einmessung kann man einzelne Parameter jederzeit auch manuell einmessen lassen.

Bei den Ton-Decodern kommen Dolby Atmos und DTS:X sowie deren Upmixer Dolby Surround, Dolby Height Virtualizer und DTS Neural:X zum Einsatz; DTS Virtual:X fehlt hingegen. Das Cross-Format-Upmixing ist mit dem LX704 derzeit nicht möglich. Ob ein Firmware-Update diese von Dolby einst auferlegte, mittlerweile aber wieder abgeschaffte Restriktion ändert, konnte man uns auf Nachfrage bei Pioneer nicht beantworten. Die Klangprogramme lassen sich hingegen auf alle Tonformate anwenden.

Unter dem Quellen-Button „NET“ fi ndet man alle integrierten Streaming-Dienste (Spotify, TuneIn) und Streaming-Protokolle (AirPlay, Chromecast).

Wie der LX904 nutzt auch der LX704 als Einmess- System das „MCACC PRO“, das mit Pioneers „Phase Control“-Schaltung aufwartet, die Phasen-Verzögerungen bei der Basswiedergabe zwischenallen Lautsprechern kompensieren soll. In der aktuellen Variante berücksichtigt das MCACC PRO bis zu 9 Messpositionen. Zu den Tuning-Tools zählen neben diversen Filtern (u.a. Midnight, Theater, Phase Control) auch die klangliche Feinabstimmung des Digitalfilters (langsam, scharf, kurz) sowie ein 9-Band-Equalizer, der jedoch erst ab für Bässe recht hohen 63 Hertz greift; Ausnahmen bilden die 4 Bänder für den Subwoofer, die von 31 bis 250 Hertz regeln. Die neue Klangschaltung „Dialog“ verbessert die Sprachwiedergabe, was jedoch auf Kosten der Kanaltrennung geht.

MCACC Pro optimiert nicht nur den Klang durch die Korrektur von Frequenz- und Phasengang jeder Box, sondern zeigt auch mithilfe von Grafi ken, welche Korrekturen gemacht werden.

Die „Nachhall-Anzeige“ veranschaulicht den Aufbau des Schallfeldes eines Kanals (hier „Front Left“) in Abhängigkeit von Zeit und Frequenz. An den auseinanderdriftenden Bündeln bzw. der Höhe eines Graphen (Y-Achse) erkennt man, dass die Frequenzen verschieden laut schallen.

Nach der Korrektur durch MCACC sind die Frequenz-Bündel weitgehend deckungsgleich, die Frequenzen sind gleich laut und kommen gleichzeitig beim Hörer an. Nur die rote Linie (63 Hertz) schert noch etwas aus, der Bass startet bedingt durch Raumakustik-Effekte leiser.

Für einen ausgewogenen Klang müssen alle Frequenzbereiche zeitrichtig (korrekte Phase) beim Hörer ankommen. Vor der Einmessung geben praktisch alle Boxen den Bass-Bereich verzögert wieder, die Amplituden schwanken teils um bis zu 1,5 Millisekunden.

Nach der Korrektur überlappen sich die Graphen innerhalb des gesamten Frequenzbereichs. Es verbleiben nur geringe Welligkeiten, die sich vom Gehör jedoch nicht wahrnehmen lassen – und daher auch nicht korrigiert werden müssen.

 

Video und Multimedia

Sämtliche Ein- wie Ausgänge des Videoboards sind kompatibel mit 4K/60p-Signalen samt HDR10, Dolby Vision und HLG. Zudem wird der aktuelle Kopierschutz HDCP 2.3 unterstützt. Der Scaler wandelt allerdings nur 1080p-Signale in 4K-Auflösung, der simple Video-Equalizer funktioniert nur bei aktivem Upscaler und schärft das Bild in 3 Schritten an.

Üppig fallen die Optionen fürs Musik-Streaming aus: AirPlay 2, Bluetooth, Chromecast, DTS Play-Fi und Onkyos eigenes Streaming-Protokoll Flare-Connect; das WiFi arbeitet auch im 5-GHz-Band.

Der LX704 versteht sich auch auf Hi-Res-Dateien (ALAC, AIFF, FLAC, WAV, DSD) bis 192 kHz / 24 Bit. Für das Radio-Hören via Internet gibt es das kostenlose TuneIn, hinzu kommen die kostenpflichtigen Streaming-Dienste Spotify, Deezer, Tidal und Amazon Music – Apple Music fehlt aber. Als Bonus lässt sich der Pioneer in ein Netzwerk mit Sonos-Geräten einbinden, wofür jedoch der Sonos-Connect-Adapter (400 Euro) benötigt wird.

Tonqualität

Im Messlabor bot der LX704 je nach Betriebsart zwischen 15 und 40 Watt weniger als das Flaggschiff LX904, verglichen mit dem Vorgänger LX701 aber etwas mehr: Mit 7 x 117 Watt (6 Ohm) sowie 143 Watt pro Kanal im 5.1-Modus (6 Ohm) ist der LX704 bestens für bombige Heimkino-Abende gewappnet.

Im Stereo-Betrieb kletterte die Leistung überraschend von 232 auf 262 Watt (4 Ohm). Derdurchschnittliche Stromverbrauch lag dank Digitalendstufen bei rund 95 Watt, was ihm unser Stromsparer-Logo einbringt. In der Regel verbrauchen Receiver dieser Klasse mehr als das Dreifache.

Im Hörtest schlug der LX704 in dieselbe Kerbe wie der größere Bruder, was uns nicht wirklichüberraschte: So musizierte der Pioneer kristallklar, hochauflösend und aufgeweckt – keine Spur von Trägheit oder muffi gem Sound. Freilich, bei schlechten, spitzen, arg komprimierten oder crispen Aufnahmen verzeiht er weniger als „sanfter“ agierende Receiver-Naturen, die etwas wärmer und nicht so energisch im Hochton agieren – dies ist aber eine Frage des Geschmacks und nicht der Klangqualität.

Die MCACC-Einmessung auf 9 Positionen ging mit einer halben Stunde nicht gerade zügig über die Bühne, trotz der Länge sollte man die Prozedur durchführen: Denn danach spielte der Receiver etwas luftiger, klarer, geschmeidiger und im Bass „schwungvoller“. Das transparente Klangbild gepaart mit der hohen Auflösung kommt natürlich auch der Räumlichkeit und Präzision zugute: So war etwa im Dolby-Atmos-Trailer „Shattered“ jeder noch so kleine Glassplitter bestens ortbar.

Im Betrieb mit 4 Höhenboxen waren auch Deckeneffekte sauber über dem Kopf hörbar, allerdings spielen Receiver mit zusätzlichen Back-Rear-Boxen im 7.1.4-Betrieb noch einhüllender und hinten herum offener, weiter und präziser – weshalb hier der LX704 weniger Punkte einheimst als der LX904. Der neue Dialog-Enhancer ließ Sprache tatsächlich lauter schallen, doch tönten Dialoge und alle anderen Toninfos des Centerkanals dann auch aus den beiden Hauptlautsprechern. Die „Midnight“-Schaltung zur Dynamik-Kompression funktionierte bei Dolby-Ton prima, bei DTS-Streams hingegen gar nicht.

Auch mit Stereo-Musik im Pure-Direct-Modus blieb der Pioneer-Amp seinen Klang-Attributen treu: Er musizierte locker, luftig, dreidimensional und mit sehr hoher Feinaufl ösung. Zudem agierte der Bolide sehr schnell, folgt Dynamik-Sprüngen mühelos und spielte mit Bässen kräftig, konturiert und knackig drauf los.

Der Testbericht Pioneer SC-LX704 (Gesamtwertung: 89, Preis/UVP: 1800 Euro) ist in audiovision Ausgabe 2-2020 erschienen.

Der entsprechende Testbericht ist in unserem Shop als PDF-Dokument zum Download erhältlich.

AV-Fazit

89 sehr gut

Pioneers zweitgrößter AV-Receiver SC-LX704 steht mit Top-Klang, Sound-Features und umfangreicher Multimedia-Ausstattung seinem großen Bruder kaum nach. Wer auf die zusätzlichen Endstufen des SC-LX904 verzichten kann, spart viel Geld.
Andreas Oswald

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