Das brandneue Modell „30“ ist der mächtigste Vertreter der „Cinema“-Verstärker-Reihe von Marantz. Gegenüber dem Vorgänger hat sich nicht nur die Optik verändert, auch unter dem Metallkleid gibt es jede Menge Neues.
Ende 2022 führte Marantz mit den Modellen 50 und 60 seine neue Cinema-Serie ein, letztes Jahr folgten der Cinema 40 und 70 – nun ist der Cinema 30 an der Reihe.
Gegenüber den früheren SR-Modellen präsentieren sich die Cinema-Verstärker nicht nur im neuen Gewand, auch die Nomenklatur hat sich geändert. „Je höher die Ziffer, umso besser das Gerät“ war gestern – jetzt läuft der Hase andersherum. Cinema 30, 40, 50, 60, 70 lautet die Rangfolge, der hier getestete Cinema-30-Verstärker ist somit das derzeit größte Modell – und satte 1.700 Euro teurer als der nächstkleinere Cinema 40 (Test in 6-2023).
Und wo wir schon bei Preisen sind: Wenn man die verbauten Endstufen – 11 an der Zahl – als Maßstab nimmt, tritt der Cinema 30 die Nachfolge des SR8015 an, den wir fast auf den Tag vor drei Jahren getestet haben. Der kostete bei seiner Markteinführung noch 3.000 Euro, mittlerweile verlangt der Hersteller 3.500 Euro. Da stellt sich unweigerlich die Frage, ob der Preis von 4.500 Euro für den Neuen berechtigt ist.

Fangen wir mit einem Aspekt an, über den man sicherlich streiten kann: der Optik. Die ist im Vergleich zu den kleineren Cinema-Modellen zwar nicht mehr neu, das zuvor jahrelang gepflegte Produktdesign ist damit aber Vergangenheit. Die abgehobene Front samt nach innen gewölbter und dezent geriffelter Wangen – die bei den beiden größten Modellen per LED beleuchtet werden – gefällt uns jedenfalls sehr gut. Es wirkt modern und elegant zugleich, was bei einer Platzierung des Geräts im Wohnzimmer ein nicht zu unterschätzendes Kaufkriterium darstellt – auch wenn die Technik natürlich Vorrang haben sollte.
Das Bullaugen-Display gibt es auch weiterhin und auch die große Frontklappe mit einem zweiten, größeren Display hat das Facelift überdauert. Die beiden Räder für Lautstärke und Quellenwahl laufen geschmeidig und streng, wackeln bei stärkerem Zug allerdings etwas, was wir – zumindest an unserem Test-Exemplar – bemängeln müssen. Etwas dicker hätten wir uns auch den Deckel gewünscht, der sich schon bei leichtem Druck durchbiegt. Mit 20 Kilo Gewicht darf man aber auch einiges unter der Haube erwarten, zumal sich der Technikaufbau deutlich von den kleineren Cinema-Modellen unterscheidet.
Zwei Einmess-Systeme
Eine der interessantesten technischen Neuerungen bei Marantz war bzw. ist die Option zur Nutzung des Einmess-Systems Dirac Live. Optional, da die Software-Lizenz nicht ab Werk im Gerät verankert ist, sondern nachträglich bei Dirac erworben werden muss. 240 Euro kostete die Version mit limitierter Bandbreite von 20 bis 500 Hertz, 330 Euro muss man für die Version mit voller Bandbreite hinblättern. Die Erweiterung „Bass Control“ kostet nochmals 330 Euro (Single Subwoofer) bzw. 470 Euro (Multi Subwoofer). Ein geeignetes Messmikrofon benötigt man in jedem Fall, denn das beiliegende Mikro ist auf das ab Werk integrierte Einmess-System Audyssey (MultEQ XT32) geeicht und kann nicht für Dirac genutzt werden.

Neues Menüdesign
Das HEOS-Modul der neuesten Generation bietet mehr Speicherplatz und eine höhere Geschwindigkeit für die HD-Menüs und das Netzwerkstreaming samt Bluetooth-Empfänger und -Sender. Apropos Menüs: Wie die kleineren Modelle besitzt der Cinema 30 eine überarbeitete Bedienführung. Praktisch alles ist neu, von den Grafiken über das Design bis hin zum Wortlaut und der höheren Auflösung in Full-HD statt 480p. Klasse ist auch die Informationsanzeige, die sich leicht transparent über das laufende Bild legt und ausführlich über ein- wie ausgehende AV-Signale berichtet.
Das rechts oben aufpoppende „Option“-Menü ist ebenso schlicht und bietet die bekannten Settings zu den eingangsspezifischen Kanalpegeln aller aktiven Boxen, dem Dialog Enhancer, Bass- und Höhenregler und Lip-Sync-Funktion. Zudem kann man hier zwischen den beiden unabhängigen Boxen-Setups („LS-Konfi g.-Preset“) wechseln. Ausgesprochen hilfreich insbesondere für unerfahrene Nutzer ist der Einrichtungsassistent, der beim ersten Start des Geräts durch Punkte wie Lautsprechereinstellung, Raumeinmessung, Netzwerk oder die HEOS-App führt.
Auch die Fernbedienung bietet eine neue Optik inklusive Hinterleuchtung der Gummitasten. Der Geber besteht aus Plastik, das kantige Design lässt ihn leider nicht allzu sanft in der Hand liegen. Eine klare Untergliederung in Funktionsgruppen sowie das aufgeräumte Erscheinungsbild sammeln hingegen Pluspunkte. Wer im Heimkino lieber mit Tablet oder Smartphone hantiert, kann den Amp per Web-Interface, der HEOS-App oder der Marantz-AVR-Remote-App steuern.
Besseres Bassmanagement
Interessant ist die Möglichkeit zum Anschluss von 4 (statt wie bisher 2) Subwoofern, die individuell ansteuerbar (Pegel, Distanz) sind. Die Option „Subwoofer Modus / Gerichtet“ soll bei einer Platzierung von 2, 3 oder 4 Subs nach Hersteller-Vorgaben im Hörraum für „gerichtete“ Bässe sorgen, indem (neben dem LFE-Signal) ein Subwoofer nur die Bass-Signale des unmittelbar benachbarten und im Boxenmenü als klein (nicht „Vollbereich“) definierten Lautsprechers übernimmt – und nicht wie üblich die Bässe aller Lautsprecher mit aktivem Crossover. Neu ist auch die Option zur Steuerung eines Körperschallwandlers (Bodyshaker). Der kommt an den Subwoofer-Pre-out Nr. 4 und lässt sich in Pegel und Tiefpass-Filter (40 bis 250 Hertz) justieren.
Eine weitere Premiere ist das erweiterte Bassmanagement im Reiter „Lautsprecher/Verteilung“. Hier kann der LFE-Kanal (also der .1-Kanal) in 2-dBSchritten von -20 bis 0 dB individuell auf alle als groß definierten Lautsprecher umgelenkt werden – der Subwoofer teilt sich damit in definierten Anteilen die Basslast des LFE-Signals mit den ausgewählten Boxen.



Bei der Signalverarbeitung setzt Marantz auf ein neues DAC-Board mit Dual-8-Kanal-32-Bit-Premium-DACs von ESS (ES9017s) – plus einen Chip von Texas Instruments (PCM5102A). Letzterer (um genau zu sein, 8 Stück davon) werkelten bereits im Vorgänger-Verstärker SR8015. Zudem wurde die Marantz-typische HDAM-Vorverstärkerschaltung für einen niedrigeren Klirrfaktor und höheren Signal-/Rauschabstand optimiert. Die DSP-Verarbeitung für den 2D- und 3D-Sound übernimmt ein neuer Griffin-Lite-XP-DSP-Prozessor (ADSP21593), der SR8015 bot hingegen zweimal den Griffin Lite ADSP21573. Die Analogplatine wurde ebenfalls neu entwickelt, auch weil der Cinema 30 vier Vorverstärkerausgänge mehr als der SR8015 besitzt, nämlich 13.4 statt 11.2. Über den selektiven Vorverstärker-Modus kann man gezielt Kanalpaare bzw. den Center oder die komplette Vorverstärker-Sektion von den Endstufen physisch abtrennen für einen niedrigeren Klirrfaktor bei höheren Ausgangsspannungen.




Viele Klangschaltungen
An Decodern ist alles an Bord, was das Heimkino-Herz begehrt: Dolby Atmos, DTS:X Pro und Auro 3D sowie deren Upmixer Dolby Surround, DTS Neural:X und die Auro-Matic. Auch IMAX-Enhanced-Inhalte gibt der Cinema 30 wieder, bei den Virtualisierern sind DTS Virtual:X und die Dolby Atmos Height Virtualization dabei. Das Cross-Format-Upmixing von 2D-Tonstreams mit Dolby Surround, DTS Neural:X und der Auro-Matic klappte im Test problemlos. Neben 3D-Sound im Format MPEG-H des Fraunhofer-Instituts wird jetzt auch Sonys Raumklang format „360 Reality Audio“ unterstützt.
Der Cinema 30 kann maximal 13.4-Kanäle verarbeiten, was für gehobene Setups mit 9.1.4.-Kanälen (mit Front-Wide-Kanäle) oder 7.4.6-Kanäle ausreicht. Der Auro-Decoder lässt sich jetzt auch mit Deckenlautsprechern an „Top“-Positionen (Front, Middle, Rear) nutzen. Zudem wird Dolby flexibler und unterstützt nun seitliche Surround-Height-Lautsprecher (nicht zu verwechseln mit den hinteren Rear-Heights), was der Marantz ebenso beherrscht.
Der Equalizer ist leider – nach wie vor – eher für gröbere Justagen gedacht. So lassen sich die Subwoofer gar nicht regeln, alle anderen Kanäle erst ab 63 Hertz. Zudem kann man den EQ nicht zusammen mit Audyssey nutzen. Immerhin darf man die „Flat“-Kurve der Audyssey-Einmessung auf den EQ kopieren.
8K-Video mit HDMI 2.1
Der Cinema 30 unterstützt den HDMI-2.1-Standard mit 40 Gbps Bandbreite an allen 7 Eingängen und an zwei von den drei Ausgängen. Auflösungen bis zu 8K/60Hz bzw. 4K/120Hz samt HDCP 2.3, ALLM, VRR und High Dynamic Range (Dolby Vision, HDR10+, HDR10, Dynamic HDR und HLG) sind so realisierbar. Möglich ist auch ein 8K-Upscaling, der manuelle Video-Equalizer und die sechs Bild-Presets sind aber dem Rotstift zum Opfer gefallen.
In Sachen Streaming ist der Marantz dank HEOS-System sehr gut gerüstet. Die HEOS-Technologie verteilt Musik aus dem Netz und externen Quellen auf jedes HEOS-kompatible Gerät von Denon und Marantz – egal, ob AV-Verstärker, Soundbar, Kompaktanlage oder Smart-Speaker. Auch unterstützt HEOS Streaming-Dienste wie Spotify, Napster, Amazon Music (HD), TuneIn, Deezer, SoundCloud und TIDAL. Zudem ist das einfache Zuspielen von lokaler Musik auf Tablets, Smartphones, Servern oder USB-Geräten möglich.






Tonqualität
Bei der Leistung orientierte sich der Marantz Cinema 30 fast bis aufs Watt genau am inoffiziellen Vorgänger SR8015. Die Messungen ergaben im 7.1-Betrieb an 6-Ohm-Last ordentliche 105 Watt pro Kanal. Mit 5 aktiven Endstufen legte der Amp 133 (6 Ohm) bzw. 147 (4 Ohm) Watt pro Kanal an den Tag. Im Stereo-Modus kletterte die Power auf 240 (4 Ohm) bzw. 194 (6 Ohm) Watt. Der durchschnittliche Stromverbrauch lag bei 351 Watt, im Eco-Modus sank der Verbrauch auf gute 150 Watt.
Beim Hörtest beließen wir es diesmal bei Audyssey für eine „Out of the box“-Experience ohne teure Upgrades. Wie so oft mussten wir unsere nahe an der Wand positionierten Kompaktlautsprecher von „groß“ auf „klein“ zurückstellen, den Rest regelte Audyssey passend.
Schon mit den ersten Tönen machte der Marantz klar, wohin die Klangreise geht: Der Cinema 30 spielte transparent, luftig, leichtfüßig und mit feiner, sehr detailreicher Hochtonauflösung. Das brachte eine enorme Durchzeichnung, Durchhörbarkeit und Klarheit von den höchsten Höhen bis hinunter in tiefste Basslagen mit sich, in denen der Amp super straff, trocken und mit viel Kontrolle musizierte. Der Marantz entpuppte sich als Spielpartner, der Details hervorlockte, wo andere sie lediglich andeuten. Schärfe kennt er nur, wenn die Quelle nichts taugt, etwa übel komprimierter Mainstream-Pop auf YouTube. Legt man audiophile Aufnahmen wie Steely Dans „Two Against Nature“ von DVD-Audio oder Sara K‘s CD „Hobo“ auf, dann zeigt der Marantz, wie viel Musikalität, Rhythmus, Kraft und Ruhe in ihm steckt. Weiter ging es mit Dolby-Atmos-Clips: Der luftige Hochton sorgte für ein sehr großes Schallfeld, in dem Effekte sehr gut ortbar umhersausten. Auch hier faszinierte die Art, wie der Marantz feinste Details herausschälte. Selbst über dem Kopf wurde alle Effekte sauber positioniert.
Ganz unten herum sorgte der Cinema 30 für kräftigen Schub, der „Powerful Bass“ im „Amaze“-Clip grummelte mit brachialer Gewalt in tiefsten Basslagen, ohne zu dröhnen oder einzudicken und damit das Tongeschehen zu versauen. Im Science-Fiction-Blockbuster „Ghost in the Shell“ (Dolby Atmos) wütete der Panzer ebenso wuchtig, aber differenziert in allen Basslagen. Kleine Abstriche gab es bei der Dynamik, die Action-Szene haben wir schon etwas brachialer wahrgenommen – doch das ist Meckern auf ganz hohem Niveau.
Stereo-Musik lauschten wir im „Pure Direct“-Modus für die reinste Klangwiedergabe. Natürlich behielt der Cinema 30 auch hier seine Tugenden bei. Der Amp löste Musik sehr fein auf, spielte klar und luftig, bot dabei viel Rhythmus, Lebendigkeit und Spielfreude, womit er selbst tausendmal gehörten Alben neuen Glanz verlieh.



Der Testbericht Marantz Cinema 30 (Gesamtwertung: 95, Preis/UVP: 4.500 Euro) ist in audiovision Ausgabe 3-2024 erschienen.
Der entsprechende Testbericht ist in unserem Shop als PDF-Dokument zum Download erhältlich.
AV-Fazit
Marantz‘ neuer Flaggschiff-Verstärker Cinema 30 sieht nicht nur edel aus, er klingt auch ausgezeichnet und bringt alles für ausgewachsene Heimkinos mit. Den Preisaufschlag gegenüber dem 11-Kanal-Vorgänger SR8015 hätten wir uns aber etwas moderater gewünscht.
Andreas Oswald

