Das Beste noch besser machen? Mit dieser Herausforderung sehen sich die Entwickler von AV-Elektronik beinahe jĂ€hrlich konfrontiert. Mal bekommt der Kunde im Ergebnis kaum mehr als ein neues Design prĂ€sentiert, manchmal aufgrund technischer Neuerungen aber auch ein besseres GerĂ€t. Im Falle der AV8802A-Vorstufe haben die Entwickler auf eine optische VerĂ€nderung gleich ganz verzichtet, noch nicht mal die GerĂ€tebezeichnung AV8802 (ohne das A) auf der Front der nur in Schwarz erhĂ€ltlichen Vorstufe wurde angepasst. DafĂŒr haben die Japaner unter dem Deckel fleiĂig geschraubt â was uns natĂŒrlich lieber ist. Allerdings muss man dafĂŒr auch 200 Euro mehr berappen, womit die unverbindliche Preisempfehlung der AV8802A auf stolze 4.000 Euro steigt.
Was wurde besser?
GröĂter Unterschied im Vergleich zum Vorjahresmodell AV8802 (Test in Ausgabe 4-2015) ist das neue Videoboard, das nun auch den HDCP 2.2-Kopierschutz akzeptiert â und zwar an allen HDMI-Ein- und AusgĂ€ngen. Beim AV8802 konnte man dies auf Wunsch fĂŒr 200 Euro beim FachhĂ€ndler einbauen lassen. Auch der HDR-Standard fĂŒr erhöhten Kontrast und erweiterte Farben wird nun unterstĂŒtzt. Dank neuer HDMI-Elektronik sank der Standby-Verbrauch im Durchschleifbetrieb von mittelmĂ€Ăigen 4,8 auf hervorragende 0,5 Watt.
Tonseitig hat die AV8802A jetzt auch DTS:X an Bord, das erforderliche und kostenlose Firmware-Update veröffentlichte Marantz bereits im Februar. Auro 3D ist nach wie vor nur per kostenpflichtigem Upgrade fĂŒr 149 Euro erhĂ€ltlich. Nachgebessert wurde auch bei der Lautsprecher-Konfiguration, um das Zusammenspiel der unterschiedlichen 3D-Sound-Dekoder zu optimieren. Denn in der Vergangenheit waren Auro 3D und Dolby Atmos nicht unter einem Boxen-Setup vereinbar.

3D-Setups unter einem Hut?
Wie bei der kleineren Vorstufe AV7702mkII (Test in Ausgabe 5-2016) lassen sich dank 11.2-Kanal-Processing der DSPs 7.2.4-Setups fĂŒr Atmos- und DTS:X-Ton verwirklichen. Auro 3D gibt sich dagegen mit maximal 10.2-KanĂ€len zufrieden, wobei zum 5.2.4-Setup â Back-Surround-KanĂ€le gibt es bei Auro im Heimkino-Betrieb nicht â eine Box direkt ĂŒber den Hörplatz kommt (âVoice of Godâ-Kanal). Die Boxen-Konfiguration erweist sich allerdings als etwas knifflig, denn nicht jeder Surround-Dekoder vertrĂ€gt sich mit jedem Lautsprecher-Setup.
Alle 3D-Tondekoder funktionieren parallel und ohne EinschrĂ€nkungen ausschlieĂlich bei der Endstufenzuweisung â11.1-Kanalâ unter Wahl von vorderen âHeightâ-Boxen; alle anderen Lautsprecher-Konfigurationen sind mit Kompromissen behaftet. Hier tanzt besonders Auro 3D aus der Reihe, denn der 3D-Dekoder steht ausschlieĂlich bei Front-Height-Boxen zur VerfĂŒgung â egal ob man zwei, vier oder fĂŒnf Höhenboxen betreibt.
DTS:X ist dagegen zu allen Boxen-Setups kompatibel â jedoch mit Kompromissen, wie sich beim Ausprobieren an unserem 7.1.4-Set mit DTS:X-Kanaltesttönen von der âDTS 2016 Demo Discâ zeigte. Das Problem: Signale von Decken- und Dolby-Aufsatzboxen ĂŒbersprechen auf die Lautsprecher der Horizontal-ebene. So sind etwa die Schall-anteile der vorderen rechten Deckenbox auch auf dem rechten Hauptlautsprecher zu hören, ein Ton aus dem linken âBack Dolbyâ-Speaker tönt auch von der linken Surround- und Back-Surround-Box. Optimal, also ohne Ăbersprechen, arbeitet DTS:X offenbar nur mit Height-Boxen zusammen. Bei Dolby Atmos bleiben dagegen âSurround-Height-Boxenâ stumm, deren Tonsignale der Dekoder auf die vorderen Höhenboxen umleitet.
Auro, Dolby und DTS:X halten auch 3D-Upmixer parat, die unterschiedlich arbeiten und entsprechend auch verschieden klingen. Dazu gesellt sich der 3D-Upmixer von Audyssey, der allerdings nur mit 5.1-Signalen und bei Betrieb von Front-Wide- und/oder Front-Height-Lautsprechern funktioniert. Die alte Garde um DTS Neo:6/X sowie Dolby ProLogic IIz/x sucht man in der AV8802A leider vergebens, immerhin stellt Auro mit âAuro-2D Surroundâ einen gut funktionierenden 2D-Upmixer zur VerfĂŒgung.

Hochwertige Komponenten
Optisch elegant wirkt das typische Marantz-Design mit separatem Bullaugen-Display ĂŒber der Haupt-Anzeige, die unter einer Klappe steckt. Die Frontplatte besteht aus Aluminium, wĂ€hrend die matt-schwarzen Wangen nach Kunststoff anmuten und nicht so recht zum gediegenen Auftritt des 6.000 Euro teuren Duos passen wollen.

An der Verarbeitung der Vorstufe hat sich im Vergleich zum Vorjahresmodell nichts verĂ€ndert, was aber auch nicht nötig war. Das mit Kupfer veredelte GehĂ€use trĂ€gt zu einer besseren Schirmung gegen elektromagnetische StöreinflĂŒsse bei, der groĂe Ringkern-Trafo soll durch Verwendung sauerstofffreier Wicklungen (OFC) und einem Alu- statt StahlgehĂ€use eine höhere Effizienz bei geringerer Streuneigung aufweisen. Auf Digital-seite minimieren Wandler von Asahi Kasei (AK4490 32-Bit-DACs) das Rauschen, am analogen Ende der Signalkette sind 13 HDAM-VorverstĂ€rker in einem aufwĂ€ndigen Monoblock-Schaltungsdesign verbaut: Statt auf einer gemeinsamen Platine sitzen diese auf eigenen Leiterplatten, womit sich die KanĂ€le nicht gegenseitig beeinflussen. Unterm Strich soll der aufwĂ€ndige Aufbau einer besseren Impulswiedergabe, weniger Rauschen sowie Verzerrungen und somit einem reinerem Klang dienen.

Schirmung mit Kupfer veredelt.

Performance und minimieren die Serienstreuung.
Die Endstufe MM8077
Als Endstufe schickte uns Marantz die gröĂte aus seinem Programm: die MM8077. Eine gute Bekannte, die uns schon beim Test der Vorstufen AV8807 und AV7702 MKII (in Ausgabe 5-2016) ĂŒberzeugte. Mit AktualitĂ€tsproblemen wie neuen HDMI-Standards oder 3D-Tondekodern haben Endstufen ohnehin nicht zu kĂ€mpfen und altern somit kaum. Die Highlights des 7-Kanal-Boliden liegen im effizienten und leistungsfĂ€higen Hochstrom-Ringkern-Trafo und den beiden 50.000 Mikrofarad starken Elkos aus eigener Produktion. FĂŒr eine effektive WĂ€rme-abfuhr sind die Leistungstransistoren statt auf einem KĂŒhlkörper in einem KĂŒhltunnel montiert: Ein LĂŒfter auf der linken Seite saugt Frischluft aus dem GehĂ€use an, ein weiterer blĂ€st die erwĂ€rmte Luft rechts wieder hinaus. Das Tunnel-Prinzip funktioniert so gut, dass die Ventilatoren nur selten und kurz anspringen. FĂŒr Erweiterungen auf neun oder elf KanĂ€le bieten sich die Zwei- und FĂŒnf-Kanal-VerstĂ€rker MM7025 und MM7055 fĂŒr 1.000 bzw. 1.400 Euro an. Mit Hinblick auf 3D-Audio wĂ€re eine 9-Kanal- oder 11-Kanal-Endstufe wĂŒnschenswert.   Â
Der Grund des Ganzen: Dolby Atmos und DTS:X sind objektbasierte Tonverfahren, die bei der Boxenzahl und -platzierung variabel sind; der Ton richtet sich nach der Boxenanordnung. Auro 3D wurde hingegen als kanalbasiertes Tonverfahren konzipiert, bei dem der Ort von Lautsprechern fest zugewiesen ist â der Boxenplatz bestimmt somit auch die Tonabmischung.





Ausstattung und Praxis
In Sachen Anschlussvielfalt schöpft die Vorstufe aus dem Vollen: Highlight ist die riesige Pre-Out-Sektion, die 15 Buchsen im XLR-Format umfasst; gar 19 sind es im Cinch-Format. Die vier zusĂ€tz-lichen Cinch-AusgĂ€nge dienen fĂŒr die NebenrĂ€ume 2 und 3. Maximal verarbeitet die Vorstufe 13 KanĂ€le gleichzeitig (11.2-Processing). Zudem verfĂŒgt sie ĂŒber einen XLR-Stereo-Eingang. Ob man die Endstufe via Cinch- oder XLR verkabelt, spielt klanglich normalerweise keine Rolle. GrundsĂ€tzlich ist XLR aber robuster und durch die symmetrische Ăbertragung unempfindlicher gegen Einstreuungen.
Als Einmess-Automatik verwendet Marantz mit MultEQ XT32 Pro das gröĂte System von Audyssey, das auch die Profi-Kalibrierung durch zertifizierte Fach-hĂ€ndler erlaubt. Manuell kann man den Klang mit Bass- und Höhenreglern fĂŒr die Stereo-Frontboxen sowie einem Grafik-Equalizer nachjustieren. Der bietet neun Regler von recht hohen 63 Hz bis 16 kHz fĂŒr alle Boxen auĂer den Subwoofern, was bei ungĂŒnstiger Raumakustik oder Boxenplatzierung zu Bassproblemen fĂŒhren kann. Obendrauf funktioniert der Equalizer leider nur, falls man Audyssey deaktiviert, was einen Punkt kostet. An den Einstellungen fĂŒr Pegel, Distanz und Crossover-Frequenzen gibt es dagegen nichts zu meckern.
Jetzt mit 4K
Wie schon erwĂ€hnt versteht das verbesserte Videoboard 4K/60p-Signale inklusive HDR, HDCP 2.2 sowie der verlustfreien 4:4:4-Farbauflösung. Der Videoprozessor rechnet niedriger aufgelöste Bilder der Digital- und AnalogeingĂ€nge ins 4K-Format hoch und erlaubt unter anderem feinfĂŒhlige Korrekturen von Helligkeit, Kontrast und FarbsĂ€ttigung.
Drahtlos vernetzt die AV8802A via WLAN, AirPlay und Bluetooth (leider ohne verlustfreien apt-X-Codec) zu mobilen GerĂ€ten. An Netz-Musikquellen gibt es ein bequem bedienbares Internet-Radio auf vTuner-Basis; Nutzer des Streaming-Dienstes Spotify können Musik direkt ĂŒber den VerstĂ€rker abspielen. Der USB/DLNA-Dateiplayer unterstĂŒtzt zudem High-Res-Tonformate (24 Bit/192 kHz) wie AIFF, ALAC, FLAC und DSD (2,8 MHz).
TonqualitÀt Surround
Mit mindestens 130 Watt pro Kanal im Mehrkanalbetrieb sowie einer Gesamtleistung von 1.100 Watt ist die MM8077-Endstufe fĂŒr alle FĂ€lle gewappnet. Mit soviel Dampf unter der Haube brachte die Kombi dann auch Steely Dans âJanie Runawayâ lĂ€ssig und locker, federnd im Bass und luftig in den Höhen zu Gehör; der Sound klang angenehm musikalisch und trotzdem hochauflösend. Danach schoben wir die mit Atmos-Ton abgemischte Konzert-Blu-ray âSmoke + Mirrorsâ der Imagine Dragons in den Scheibendreher â und lieĂen auch Audyssey zu Werke schreiten. Die Einmessung gelang tadellos und lieferte fĂŒr alle Lautsprecher-Parameter plausible Werte; die automatisch ermittelte EQ-Kurve âReferenceâ klang dabei ausgewogen, wĂ€hrend âFlatâ die Höhen fĂŒr unseren Geschmack etwas zu sehr anhob. Einmal aktiviert, donnerte der eindrucksvolle Atmos-Mix enorm rĂ€umlich und geschlossen drauf los, die Instrumente standen plastisch-greifbar in unserem Hörraum. Bei Zuschaltung von âDynamik EQâlegte die Vorstufe noch eine Schippe Bass fĂŒr mehr Volumen drauf, lies Hochtöne mehr strahlen und Details besser durchhören â ohne auch bei Live-Pegeln nervig zu werden. So saĂen wir mitten in der Konzerthalle â ein einzigartiges Erlebnis!
Auch mit Filmton lief die Kombi zu Bestform auf: Egal ob wir âThe Expendables 3â im Atmos-Mix, âCrimson Peakâ mit DTS:X-Ton oder Clips von der Auro-Demodisc spielten â der Sound klang stets zupackend, prĂ€zise, voluminös und rĂ€umlich absolut ĂŒberzeugend. Besser geht es nicht.


Gemeinsam ist ihnen, dass sie das Signal fĂŒr die HöhenkanĂ€le aus den AusgangskanĂ€len erzeugen mĂŒssen. Wie das genau funktioniert, behalten die Entwickler fĂŒr sich â fest steht, dass sie sich ob des unterschiedlichen Klangs verschiedener Rezepte bedienen und im Gegensatz zu den ersten Surround-Dekodern nicht nur die Phasendifferenzen von zusammengehörigen Signalen vergleichen. Der Dolby-Surround-Upmixer scheint bei der Schaffung der HöhenkanĂ€le Ă€uĂerst selektiv vorzugehen: Wir hatten den Eindruck, dass von oben vorwiegend Schallanteile mit Raumreflexionen kommen. Das andere Extrem ist der DSX-Upmixer, der selbst DiaÂloge lautstark in die HöhenkaÂnĂ€le mischt. Auro trennt je nach Eingangssignal (Mehrkanal oder Stereo) mal sauber, mal ĂŒbersprechen Dialoge auf alle Boxen. DTS:X wĂ€hlt Toninformationen fĂŒr die Höhenboxen besonders penibel aus und trennt diese auch deutlich voneinander.

Was man bevorzugt, ist letztendlich auch Geschmackssache und hĂ€ngt vom jeweiligen Tonmaterial ab. Erschwert wird der Klangvergleich zudem durch die vielen AbhĂ€ngigkeiten von der Kanalanzahl des Eingangssignals sowie der Boxen-Konfiguration. Analog zu nativem 3D-Ton lassen sich die drei 3D-Upmixer parallel und ohne EinschrĂ€nkungen nur in der Endstufenzuweisung â11.1-KĂ€naleâ sowie mit âHeightâ-Boxen betreiben. Die Tabelle unten zeigt weitere Unterschiede zwischen den Dekodern an.
TonqualitÀt Stereo
Auch im 2-Kanal-Betrieb ist die Marantz-Kombi ein Highlight und sorgte etwa bei Carla Brunis gehauchtem Gesang in âLâAmourâ fĂŒr viel GĂ€nsehaut; Stimme wie Instrumente standen körperhaft im Raum und lieĂen einen die Lautsprecher vergessen. Michael Jacksons âBadâ klang impulsiv, druckvoll und auf den Punkt â so muss es sein. FĂŒr komprimierte Musik kann man die âM-DAXâ-Schaltung aktivieren, die StörgerĂ€usche vermindert und dabei den Klang nur etwas dumpfer macht. ao
Der Testbericht Marantz AV8802A/MM8077 (Gesamtwertung: 95, Preis/UVP: 6000 Euro) ist in audiovision Ausgabe 9-2016 erschienen.
Der entsprechende Testbericht ist in unserem Shop als PDF-Dokument zum Download erhÀltlich.
AV-Fazit
Mit allen 3D-Ton-Dekodern, 4K-Video-Board, enormen Leistungsreserven sowie ausgezeichnetem Klang zieht die Vor-End-Kombi von Marantz mit Bravour in die Referenzliga unserer Bestenliste ein. 6.000 Euro sind allerdings kein Pappenstiel.







