Sony XR-75X95K (Test)

0

Als einer der letzten großen TV-Hersteller setzt jetzt auch Sony auf die Mini-LED-Technik. Beim neuen XR-75X95K haben die Japaner auch an der kognitiven Intelligenz ihres Prozessors getüftelt. Außerdem kommt eine modifizierte Fernbedienung zum Einsatz.

Mit der X95K-Serie hält ab sofort auch bei Sony die Mini-LED-Technik Einzug in die neueste Generation der LCD-Flachbildfernseher aus japanischer Produktion. Sony erweist sich damit als Nachzügler, denn Mitbewerber wie TCL, Samsung, Philips und LG setzen schon länger auf die Weiterentwicklung der bisherigen Hintergrundbeleuchtungen. Sony kombiniert nun sein so genanntes XR Backlight Master Drive mit tausenden winzigen Mini-LEDs (siehe Kasten rechte Seite) und verspricht in der Produktankündigung außergewöhnliche Helligkeit, einen beeindruckenden Dynamikbereich, tiefe Schwarztöne und bemerkenswert natürliche Mitteltöne.

Der von uns getestete XR-75X95K schlägt mit 4.500 Euro zu Buche. Als 65-Zöller agiert das Modell für 3.500 Euro preislich auf gutem OLED-Niveau, für den 85-Zöller mit einer Diagonale von 215 Zentimeter verlangt Sony 6.500 Euro. Mit Anschlüssen ist der Flachmann gerade mal 5,6 Zentimeter tief – möglich machen diese kompakte Bauweise die winzigen Mini-LEDs. Das Display ist von vorne nahezu rahmenlos, umgeben ist das Panel von einer schicken Blende in Titansilber.

Beim Standkonzept setzt der 75-Zöller auf maximale Flexibilität. Für die beiden formschönen Aluminium-Standfüße gibt es drei Positionierungsmöglichkeiten: außen, weiter innen und als Soundbar-Konfiguration – hierbei wird das Display so weit angehoben, dass sich ein TV-Lautsprecher darunter platzieren lässt. Wer den knapp 43 Kilo schweren Flat-TV nicht aufstellen, sondern aufhängen möchte, profitiert von der VESA-Norm 300 x 300 mm für die Wandmontage. Die Rückseite des Apparats lässt sich durch Blenden komplett clean verkleiden, sodass der Fernseher auch freistehend im Raum eine gute Figur macht. Kabel werden unsichtbar durch Halterungen ins Freie gelegt.

36 Prozent kleiner: Sony hat seine neue Fernbedienung mit Aluminium-Oberfläche deutlich geschrumpft, die Anzahl der Tasten wurde von 49 auf 25 eingedampft. Die Übersichtlichkeit ist top, das Handling sehr gut. Antibakterielle Materialien halten die Tasten frei von Keimen.

Paradies für Streamer: Google TV listet auf seiner Oberfläche übersichtlich angeordnet zahlreiche Filme, Serien und persönliche Empfehlungen auf.

Sony arbeitet im XR-75X95K mit tausenden Mini-LEDs, die rund 100 Mal kleiner sind als die bisherigen Leuchtdioden von Full-Array-LCD-Bildschirmen. Auf wie viele Dimming-Zonen diese Mini-LEDs verteilt sind, konnte uns Sony auf Nachfrage nicht beantworten. Das XR Backlight Master Drive verfügt über eine intelligente Anti-Blooming-Funktion sowie eine smarte Erkennung der Leuchtdichteverteilung. Über einen von Sony entwickelten Local-Dimming-Algorithmus lassen sich die Mini-LEDs präzise ansteuern. Durch die Fokussierung des Lichts soll eine maximale Helligkeit nahezu ohne Reflexionen und störende Abstrahleffekte erzielt werden. Schwarztöne sind dadurch satter als bei Edge- oder Direct-LED-Displays, speziell bei seitlicher Betrachtung fallen Aufhellungen um weiße oder generell strahlende Objekte geringer aus. Die Japaner kombinieren ihre Mini-LEDs mit den Technologien X-Wide Angle und X-Anti Reflection. Auch bei extremen Blickwinkeln von der Seite verlieren Farben und Kontrast so kaum an Intensität, und Reflexionen auf dem TV-Panel werden auf ein Minimum reduziert.

Kontraststark auch von der Seite: Der 75-Zöller von Sony bleibt sehr lange farbstabil.

Ausstattung & Bedienung
Die erste Sony-Neuheit des Jahrgangs 2022 in unserem Testlabor fällt schon auf, bevor man mit der Einrichtung des XR-75X95K überhaupt begonnen hat: Die Fernbedienung steckt in einem überarbeiteten Gewand. Der Signalgeber ist 36 Prozent kleiner als der Vorgänger, liegt durch die strukturierte Unterseite gut in der Hand und setzt auf eine hochwertige Aluminium-Oberfläche. Durch eine spezielle Polyurethanbeschichtung soll sich der Geber leicht abwischen lassen und sauber bleiben. In der Tat macht die Oberseite einen fantastischen Eindruck: Speziell billige Steuerstäbe verfusseln leicht – die Sony-Fernbedienung können wir jedoch problemlos an einem Wollpullover reiben, die Tasten sind anschließend komplett frei von Flusen. Ihre Anzahl hat sich von 49 auf 25 verringert, das klassische Ziffernfeld fehlt und lässt sich bei Bedarf auf dem TV-Display einblenden. Für Freunde des Videotexts legt Sony eine klassische Fernbedienung mit Ziffernblock bei. Der neue Steuerstab punktet zudem durch hinterleuchtete Tasten. Hat man diesen verlegt, fragt man den Google Assistant um Hilfe. Wenige Augenblicke später blinkt und piept die Fernbedienung und macht auf sich aufmerksam. Praktisch: Dank eines im Fernseher eingebauten Mikrofons, das sich über einen Schiebeschalter deaktivieren lässt, kann man Sprachbefehle auch ohne Fernbedienung absetzen.

Gegenüber dem Vorjahr hat Sony seinen Cognitive Processor XR optimiert. Dieser versucht weiterhin tausende Bildanteile zu analysieren und zu verbessern und so den Fokus in einer Szene zu verstärken. Hinzugekommen ist die Tiefenkontrolle, die den Hintergrund leicht abschärft und das Hauptmotiv mehr in den Vordergrund stellt. Dazu erzeugt der XR-Prozessor eine so genannte Tiefenkarte. Außerdem kann der neue Farbalgorithmus Farben darstellen, die der bisherige XR-Algorithmus nicht realisieren konnte, indem er neben der Luminanz auch die Sättigung steuert. Für Gamer unterstützen zwei der vier HDMI-Ports sämtliche HDMI 2.1-Features
wie Variable Refresh Rate (VRR), Auto Low Latency Mode (ALLM) sowie 4K-Wiedergabe mit 120 Hertz. Sony gibt eine Eingabeverzögerung von 8,5 Millisekunden an. Der X95K passt zudem sein Bild automatisch an die besten Einstellungen für die PlayStation 5 an.

Als Benutzeroberfläche kommt wie gehabt Google TV zum Einsatz, das unter anderem direkten Zugriff auf mehr als 700.000 Filme, Serien, Apps und das Live-TV-Programm bietet. Praktisch: Auch wenn man auf einem Android-Smartphone oder -Tablet mit dem identischen Google-Konto wie auf dem Flat-TV angemeldet ist, wird hier das Zuschauerverhalten analysiert – im Bereich „Für mich“ schlägt der 75-Zöller dann Inhalte aus Streaming-Plattformen vor, die einem gefallen könnten. Mit Netflix, Disney+, Apple TV, Bravia Core, „HD+“ und mehr fällt die App-Auswahl angenehm groß aus. Applikationen starten schnell, Menüwechsel gelingen ebenso rasch. Zu den TV-Anschlüssen gehören Twin-Tuner für Kabel, Satellit und DVB-T2. Aufnahmen auf USB-Festplatte werden unterstützt, TimeShift per USB gelingt hingegen nach wie vor nicht. Um eine laufende Sendung zu pausieren, sollte man diese entweder aufzeichnen und dann in den Wiedergabe-Modus wechseln oder auf die Restart-Funktion einiger TV-Sender setzen.

Sony-Maßarbeit: Bei der SDR-Farbreproduktion leistet sich der 75-Zöller keinen einzigen Ausreißer. Jeder der 25 einzelnen Messpunkte sitzt an der korrekten Position.

HDR-Performance: Im DCI-P3-Spektrum weicht lediglich der Grünton minimal von der Zielvorgabe ab, ansonsten ist der XR-75X95K voll in der Spur.

Vollausstattung: Der 75-Zöller lässt sich im Zusammenspiel mit einem Hifi -System oder einer Sony-Soundbar auch als Center-Lautsprecher verwenden.

Mit der CMU-BC1 bietet Sony in Kürze optional für den X95K eine Bravia Cam an (Preis stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest), die per USB-Kabel angeschlossen wird. Diese ermöglicht unter anderem Gestensteuerung und eine Videochat-Funktion. Je mehr sich der Zuschauer dem Schirm nähert, desto dunkler wird das Bild, auch der Ton wird leiser. Der Ton folgt der Position des Zuschauers. Verlässt dieser den Raum, animiert die Cam den Flat-TV zum Stromsparen. Die Kamera erkennt bis zu sechs Personen im Raum und orientiert sich am nächsten Zuschauer. Um die Bravia Cam zu nutzen, wird bis Juni ein Software-Update angeboten.

Alles im Blick: Die Bravia Cam lässt sich bei Bedarf deaktivieren. Alle gesammelten Daten werden nur im Sony-Fernseher und nicht in der Cloud gespeichert.

Bildqualität
Eine der spannendsten Fragen bezüglich der Bildqualität klären wir beim XR-75X95K gleich zu Beginn: Wie gut ist seine Schwarz-Performance? Wir wechseln in den „Kino“-Modus, pegeln den „Schwarzwert“ von 50 auf 45 herunter und setzen die „Autom. lokale Dimmung“ auf „Hoch“. Zusätzlich dunkeln wir unseren Testraum – wie üblich bei diesem Prozedere – komplett ab, um es dem Sony möglichst schwer zu machen. Bei frontaler Draufsicht ist der 75-Zöller von einem OLED nicht zu unterscheiden. Die weiße Kapiteleinblendung auf schwarzem Hintergrund der Blu-ray „Deutschland von oben“ ist knackscharf, die Ausleuchtung super homogen, wenn überhaupt fällt nur ein minimaler Lichterkranz um die Schrift und das weiße Pausenzeichen des Players auf – aber auch nur, wenn man sich bewusst darauf konzentriert. Blickt man von der Seite und leicht von oben auf das Panel, so färbt sich ein dezenter Bereich um die Einblendungen leicht blau-grau ein. Ist auch nur eine Lichtquelle im Zimmer eingeschaltet, verpufft dieser Effekt nahezu vollständig. Deshalb: Chapeau, Sonys Mini-LED-Technik ist zwar in dieser Disziplin noch nicht zu 100 Prozent auf OLED-Augenhöhe, bereitet aber selbst anspruchsvollen Heimkino-Fans richtig viel Freude.

In Sachen Helligkeit stellt er hingegen alle OLEDs in den Schatten. Die zahlreichen großflächigen Schneelandschaften in der „Deutschland von oben“-Doku erstrahlen selbst im „Kino“-Modus erstaunlich hell und dynamisch. Der Sony liefert hingegen im „Kino“-Setting bis zu 1.676 Candela (im „Brillant“-Modus sind bis zu 1.735 Candela drin), immer noch sehr ordentliche 860 bzw. 636 Candela sind es bei einem Weißanteil von 50 bzw. 100 Prozent. Der ANSI-Kontrast kann sich mit 2.900:1 ebenfalls sehen lassen. Mit 6.405 Kelvin ist die Farbtemperatur im Setting „Experte 2“ ab Werk präzise voreingestellt.

Stellt man die „Glätte“ der „Motionflow“ auf 2, so begeistert der Japaner mit beeindruckend flüssigen Bewegungen. Auch die Blickwinkelstabilität ist hervorragend, der 75-Zöller ist damit ein echter Fernseher für die ganze Familie. Eine der großen Stärken des Mini-LEDlers ist seine farbliche Brillanz. Der „Kino“-Modus ist nicht nur super präzise abgestimmt, sondern wirkt bereits lebendiger als so mancher preiswerte Flat-TV im dynamischen Modus. HDR-Titel sind dementsprechend – unterstützt werden die Formate HLG, HDR10 und Dolby Vision – ein Genuss für die Augen. Die Netflix-Doku „Unser Planet: Wüsten und Grasland“ beschert dem Zuschauer eine gigantische Detailfülle, Farbvielfalt und brutale Schärfe. Selbst im Modus „Dolby Vision Dunkel“ fasziniert der Sony durch enorm hohe Leuchtkraft – wechselt man ins Setting „Brillant“, nehmen die ohnehin schon hohe Plastizität und Schärfe noch einmal zu, das Display zerspringt nahezu vor Klarheit, und im goldgelben Fell des nahen Geparden mit schwarz-bräunlichen Flecken zeichnen sich fein einzelne Haare ab. Ob maximal authentisch oder fast schon übertrieben plakativ, der XR-75X95K beherrscht beides nahezu perfekt.

Tonqualität
Das 60 Watt starke 2.2.2-Kanal-Soundsystem Acoustic Multi-Audio hört sich richtig gut an. Ob Schauspieler, Moderator oder Sportreporter, ohne sich anstrengen zu müssen, entgeht einem mit dem XXL-Boliden kein Wort. Nicht nur mit Dolby-Atmos-Titeln ist die Räumlichkeit überzeugend. Durch das große Display baut der Flachmann eine angenehm breite Klangbühne auf, die auch links und rechts über den Rahmen hinausgeht. Das Bassfundament ist akzeptabel, mit einer Soundbar aber noch deutlich ausbaubar. Musik macht mit dem XR-75X95K echt Spaß – denn der Sony hat das Zeug zur klangstarken und dynamischen Jukebox.

Der Testbericht Sony XR-75X95K (Gesamtwertung: 91, Preis/UVP: 4.500 Euro) ist in audiovision Ausgabe 6-2022 erschienen.

Der entsprechende Testbericht ist in unserem Shop als PDF-Dokument zum Download erhältlich.

AV-Fazit

91 Sehr gut

Sonys Mini-LED-Premiere ist mehr als geglückt: Der XR-75X95K ist super hell, stellt sattes Schwarz und kräftige Farben dar und punktet durch eine gefällige neue Fernbedienung. Abgerundet wird das tolle Gesamtpaket durch eine klasse Akustik.

Jochen Wieloch

Kommentarfunktion deaktiviert.