Mit 16 aktiven Kanälen schickt sich die Vor-End-Kombi AV 10 / Amp 10 von Marantz an, den Heimkino-Olymp zu erobern. Wir haben das 14.000 Euro teure Duo getestet.
Bei den letzten Vor-End-Kombi-Tests von Marantz mussten wir den jeweiligen Vorstufen stets dieselbe Endstufe zur Seite stellen: die MM8077. In Sachen Klang und Leistung war die zwar top, hatte aber einen Nachteil. Sie verfügt nur über 7 Endstufen, was im Zeitalter von 3D-Sound zu wenig ist. Das hat man auch bei Marantz erkannt und den Amp 10 auf den Markt gebracht. Auch wenn der Name anderes vermuten lässt, hat das gute Stück 16 Leistungsverstärker integriert – also mehr als das Doppelte der MM8077. Natürlich werden die 16 Kanäle auch von der ebenfalls neuen Vorstufe AV 10 unterstützt.
„Mehr als das Doppelte“ trifft leider auch auf den Preis zu. Schlug die bis dato teuerste Marantz-Kombi AV8805A / MM8077 mit 6.800 Euro zu Buche, verlangt der Hersteller für das neue Duo 14.000 Euro. Dafür bekommt man aber auch einiges an Gegenwert, angefangen mit einer ausgesprochen hochwertigen Verarbeitung. Allein das Gewicht der Vorstufe AV 10 mit 16,8 Kilo bestätigt dies. Mit knapp 20 Kilo ist auch die Amp 10 kein Leichtgewicht, Marantz setzt dabei erstmals auf Digitalverstärker in einer Mehrkanal-Endstufe.
Hochwertige Verarbeitung
Apropos Gehäuse, diese sehen sich bis auf zusätzliche Lüftungsschlitze bei der Endstufe recht ähnlich. Beide Geräte verinnerlichen das neue Marantz-Design, das seit dieser Generation auch die AV-Verstärker ziert. Markante Merkmale sind die abgehobene Front mit nach innen gewölbten, geriffelten Wangen, die von je einer LED beleuchtet werden. Man darf die Lichter dimmen oder abschalten, falls diese im Dunkeln stören sollten.
Die Oberseite der neuen Fernbedienung besteht aus Aluminium, die Unterseite aus Plastik. Mit seinem goldenen Alu-Zierring sieht der Geber edel aus. Ausreichend große Gummitasten mit sauberem Druckpunkt, eine logische Gliederung nach Funktionsgruppen und sogar eine Hintergrundbeleuchtung der Tasten sorgen für einen gelungenen Auftritt
Auch die AV 10 besitzt das für Marantz typische Bullaugen-Display, das von geschmeidig laufenden Rädern für Lautstärke und Eingangswahl flankiert wird. Unter der schweren, 8 Millimeter dicken Frontklappe verbergen sich ein größeres Display mit weiteren Informationen und Bedientasten. Die Endstufe hat ebenfalls ein Bullauge, in dem ein dezent beleuchteter, analoger Pegelmesser seinen Zeiger in Bewegung versetzt. Die Anzeige repräsentiert den Pegel des über Kanal 1 eingehenden Signals und lässt sich auf Wunsch deaktivieren.
Das Anfassgefühl ist sehr hochwertig und schmeichelt den Händen mit beinahe samtiger Oberfläche des vielen Aluminiums. Auch an der Verarbeitung beider Gehäuse gibt es nichts zu kritisieren, was angesichts des Preises aber eigentlich auch eine Selbstverständlichkeit ist. Das Design ist hingegen Geschmacksfrage, uns gefällt es sehr gut.





Als Betriebssysteme für die zum Testzeitpunkt verwendete Software-Version 3.4.4 werden Windows 10 bzw. MacOS 14 oder höher benötigt. Für die Kommunikation untereinander müssen sich PC bzw. Mac und die AV 10 im gleichen Netzwerk befinden. Vor der Einmessung muss an der Vorstufe die Basis-Boxenkonfiguration (Kanäle und evtl. Crossover) vorgenommen werden, denn das leistet Dirac nicht. Ist alles eingerichtet, erkennt das Programm beim Start automatisch die Boxen-Konfiguration. Bei der Einpegelung der Kanäle soll die Lautstärke laut Dirac etwa 30 dB über dem Pegel der Hintergrundgeräusche liegen. Achtung: Pegel nicht zu laut machen. Nach Wahl des Sitzplatzes („Eng fokussierte Bildgestaltung“, „Fokussierte Bildgestaltung“, „Breite Darstellung“) ermitteln Testtöne den Frequenzgang aller Boxen an bis zu 17 Messpositionen; man kann die Messung aber auch nach nur einem Durchgang beenden.
Auf Basis einer veränderbaren Zielkurve, die sich nach persönlichen Vorlieben modellieren lässt, erfolgt die Frequenzgang-Optimierung; auch der Subwoofer-Kanal lässt sich anpassen. Seit Version 3.3 gibt es in Dirac eine automatisch generierte Zielkurve, die Optimierung erfolgt einerseits mit zwei Griffen links und rechts im Filter-Design-Fenster (siehe Bild), die auf Bässe und Höhen Einfluss nehmen. Alternativ kann mit Ankerpunkten für eine differenziertere Manipulation des Frequenzgangs gearbeitet werden. Im finalen Schritt wird die Frequenzkurve auf die AV 10 übertragen und automatisch im Lautsprecher-Preset 2 abgelegt; bis zu 3 Dirac-Filter kann die Marantz-Vorstufe in sogenannten „Slots“ speichern. Das Boxen-Preset 1 kann für Audyssey genutzt werden, was den Vergleich zwischen beiden Einmess-Systemen erlaubt. Am Ende sollte man sein Dirac-Projekt speichern, um jederzeit wieder Änderungen daran vornehmen zu können. Wie gut Dirac im Vergleich zu Audyssey klingt, erfahren Sie auf der nächsten Doppelseite im Abschnitt „Tonqualität“.

Die Technik der Endstufe
Die 16-Kanal-Endstufe AMP 10 arbeitet mit einem leistungsfähigen Ringkern-Trafo. Bei der Eingangsstufe kommt Marantz‘ verfeinerte HDAM-Technik SA2 (Hyper Dynamic Amplifier Module) bei allen Signalpfaden (Cinch und XLR) zum Einsatz, welche das Kleinsignal an die Verstärker mit niedriger Impedanz und hoher Slew-Rate sendet. Die 16 Endstufen sind nach dem Prinzip von Schaltverstärkern (Class-D-Verstärker) konzipiert und wurden nicht etwa zugekauft, sondern von Marantz selbst entwickelt. Die Bauweise bietet eine bessere Leistungsausbeute bei geringerer Wärmeentwicklung und niedrigerem Stromverbrauch im Vergleich zur analogen Class-A/B-Verstärkung. Auf eine aktive Kühlung konnte Marantz trotzdem nicht verzichten und integrierte 5 Lüfter, die angenehm leise ihren Dienst verrichten. Warm wird das Gehäuse dennoch, weshalb es ratsam ist, keine Geräte (etwa die Vorstufe wie im Bild auf der linken Seite) auf die Endstufe zu stellen und stets für ausreichend Luftzirkulation zu sorgen.
Die 16 Leistungsverstärker lassen sich pärchenweise in den Bi-Amp-Modus schalten, womit man auf Wunsch bis zu 8 Lautsprecher getrennt mit Power für Bass- und Mittel-/Hochton-Treiber versorgen kann. Eine weitere Option ist der Bridge-Modus, der zwei Endstufen für die gemeinsame Leistungsabgabe zu einen Kanal „brückt“ und damit doppelt so viel Leistung für einen Kanal liefern kann.
Auf der Rückseite schinden die massiven Messing-Lautsprecherbuchsen Eindruck, die äußerst robust wirken. Die Pfropfen in den Öffnungen für Bananenstecker lassen sich allerdings nur mit einer kleinen Zange entfernen, zumindest bei unserem Test-Exemplar reichten Fingernägel nicht aus. Über den Klemmterminals sitzen XLR- und RCA-Eingänge für alle 16 Kanäle. Zur Netzwerk- und Automatisierungssteuerung sind eine RS-232C-Buchse, IR-Flasher (für externe IR-Verstärker), Remote-Control In/Out und DC Control In/Out (Trigger) vorhanden. Das optionale Auto-Standby schaltet die Endstufe in den Bereitschaftsmodus, falls 15 Minuten kein Signal anliegt. Eine Verbindung über „Amp Control“ mit der Vorstufe ermöglicht das Ein- und Ausschalten beider Geräte zusammen über die AV 10.
Die Technik der Vorstufe
Für die Vorstufe AV 10 gilt dasselbe wie für alle Marantz-AV-Receiver der „Cinema“-Baureihe: neues Menü, mehr Benutzerfreundlichkeit, erweiterte Funktionen. Doch der Reihe nach.
Alle Bildschirmmenüs präsentieren sich seit dieser Generation in einem eleganten, modernen Design samt neuen 1080p-Grafi ken und neuem Wortlaut der stets verständlichen Erklärungen. Zwar könnte das Navigieren durch Menüs schneller klappen, doch die leichte Verzögerung wird durch Auf- und Abblenden kaschiert. Sich über das laufende Bild legende Menüs (Info, Option) sind simpel und elegant sowie übersichtlich und praktikabel gestaltet. Besonders hilfreich für Einsteiger ist der Einrichtungsassistent, der beim ersten Einschalten des Geräts ausführlich durch Punkte wie Lautsprecher-Setup, Raumeinmessung, Netzwerk und Quellenanschluss führt.
Ein neues Design hat auch die Fernbedienung inklusive Hinterleuchtung der Gummitasten sowie klarer Untergliederung in Funktionsgruppen. Der Geber besitzt eine Aluminium-Topplatte, der Rest des Korpus besteht allerdings aus Plastik und das kantige Design lässt ihn nicht allzu „sanft“ in der Hand liegen. Wer im Heimkino lieber mit Tablet oder Handy hantiert, kann die AV 10 mit dem Web- Interface oder der HEOS-App von Marantz steuern.
Auch auf technischer Seite gibt es neue Funktionen, die bei der Installation anspruchsvoller Heimkino-Räume relevant werden. Spannend ist die Möglichkeit zum Anschluss von 4 (statt bisher 2) Subwoofern, die separat regelbar (Pegel, Distanz) und sogar in verschiedene akustische Zonen einteilbar sind. Eine Platzierung von 2, 3 oder 4 Subs nach Hersteller-Vorgaben im Hörraum vorausgesetzt, soll die Funktion „Subwoofer Modus / Gerichtet“ für räumlich gerichtete Bässe sorgen, indem (neben dem LFE-Signal) ein Subwoofer nur die Bass-Signale des unmittelbar benachbarten, als „klein“ definierten Lautsprechers übernimmt – und nicht wie üblich die Bässe aller Lautsprecher mit aktivem Crossover. Tönt dann die hintere, linke Surround-Box, werden deren Bass-Signale auch nur an den hinteren, linken Subwoofer weitergegeben und nicht an alle Basswürfel. Erstmals hat Marantz eine Option zur Steuerung eines Körperschallwandlers (Buttkicker, Bodyshaker) integriert. Der kommt an den Subwoofer-Pre-out Nr. 4 und lässt sich in Pegel und Tiefpass-Filter (40 bis 250 Hertz) justieren.
Eine weitere Premiere ist das erweiterte Bassmanagement im Reiter „Lautsprecher/Verteilung“. Hier kann der LFE-Kanal in 2-dB-Schritten von -20 bis 0 db auf alle als groß definierten Lautsprecher umgelenkt werden – der Subwoofer teilt sich damit in definierten Anteilen die Basslast des LFE-Signals mit den ausgewählten Boxen. Das kann sinnvoll sein, wenn der Subwoofer deutlich kleiner ausfällt als die Hauptlautsprecher. Unabhängig davon darf man dem Subwoofer über die Funktion „LFE & Main“ eine Kopie der Bassanteile (Crossover für den Bereich der Basskopie regelbar von 40 und 250 Hertz) aller als „Vollbereich“ definierten Boxen zuschanzen.



Decoder-Vielfalt
Für die Signalverarbeitung kommt ein Dualcore-Prozessor (1 GHz) von Analog Devices (ADI SHARC+) zum Einsatz. Wie es sich für eine moderne Vorstufe gehört, hat Marantz alles reingepackt, was in absehbarer Zeit benötigt wird: Dolby Atmos (15.4), DTS:X Pro (15.4) und Auro 3D (13.1) sowie deren Upmixer Dolby Surround, DTS Neural:X und die Auro-Matic – inklusive Cross-Format-Upmixing. Der Auro-Decoder funktioniert jetzt auch mit Deckenlautsprechern an „Top“-Positionen (Front, Middle, Rear), bisher ging Auro nur mit „Height“-Boxen. Top-Front-Boxen erhalten dabei eine Mischung aus den Tonsignalen von Front-Height und Center-Height, die Top-Middle-Lautsprecher bekommen den Voice-of-God-Kanal zugespielt. Das ist insofern bemerkenswert, als Auro jahrelang predigte, „Height“-Lautsprecher müssten im Winkel zwischen 20 und 40 Grad (optimal 30 Grad) zum Zuhörer abstrahlen. Auch Dolby wird flexibler und unterstützt jetzt seitliche Surround-Height-Lautsprecher (nicht zu verwechseln mit den hinteren Rear-Heights), was der Marantz ebenso beherrscht. Zudem gibt die AV 10 IMAX-Enhanced-Inhalte wieder, bei den Virtualisierern sind DTS Virtual:X und die Dolby Atmos Height Virtualization dabei. Hinzu kommen das im Broadcasting-Bereich verwendete MPEG-H des Fraunhofer Instituts sowie Sonys Musik-Streaming-Format 360 Reality Audio. Das einzige DSP-Programm nennt sich „Virtual“ und verbreitert bei der Stereo-Wiedergabe das Klangfeld.
Sehr subtiles Tontuning lässt sich bei der AV 10 auch in Form eines umschaltbaren DAC-Filters betreiben: Filter 1 bietet laut Beschreibung den „echten Marantz-Sound“, während Filter 2 für „Testmessungen“ gedacht ist. Wir haben natürlich beide Filter gemessen, die dazugehörigen Grafiken finden Sie unten rechts auf dieser Seite.
Audyssey & Dirac
Zur Klangkalibrierung bringt die AV 10 ab Werk Audysseys größtes Einmess-System MultEQ XT32 mit. Für mehr Feintuning-Optionen kann man optional die Audyssey MultEQ Editor App (20 Euro) oder Audysseys Software-Suite MultEQ-X (200 Euro) kaufen – was sich für Perfektionisten lohnen kann. Angesichts eines Preises von 7.000 Euro ist diese Aufpreispolitik etwas ärgerlich. Das gilt auch für die zweite Option zur Messung der AV 10 auf die Raumakustik, die mittels Dirac Live erfolgt. Hier muss man gleich die komplette Software separat kaufen (siehe Kasten oben).
Der in die AV 10 integrierte und simpel aufgebaute Grafik-Equalizer ist hingegen ein Spielzeug für grobe Justagen, aber kein ernst zu nehmendes Werkzeug zur Behebung von Raumakustik-Problemen. So lassen sich die Subwoofer überhaupt nicht regeln, alle anderen Kanäle erst ab 63 Hertz. Zudem kann man den EQ nicht zusammen mit Audyssey nutzen. Immerhin darf man die „Flat“-Kurve der Audyssey-Einmessung auf den EQ kopieren.
Angesichts zweier Einmess-Systeme, EQ-Option und der vielen Möglichkeiten zur Lautsprecher-Konfiguration mit 16 Kanälen hätten wir uns lieber 4 statt nur 2 Speicher zur Sicherung unterschiedlicher Einstellungen bei Lautsprechern und Einmess-Systemen gewünscht. Sehr praktisch sind allerdings die Schnellwahltasten („Smart Select“), über die man mit einem Tastendruck diverse frei definierbare Boxen- und Klang-Parameter aktivieren kann, darunter auch die zwei Lautsprecher- Konfigurations-Presets samt Einmess-System.
8K-Video mit HDMI 2.1
Selbstredend hat die Vorstufe AV 10 die neueste Videotechnik an Bord. Der HDMI-2.1-Standard wird an allen 7 Eingängen und an 2 von den 3 Ausgängen unterstützt. Multiple Quellen am Receiver mit Auflösungen bis zu 8K/60Hz bzw. 4K/120Hz samt HDCP 2.3, ALLM, VRR und HDR (Dolby Vision, HDR10+, HDR10, Dynamic HDR und HLG) sind daher möglich. Auf Wunsch führt die AV 10 ein 8K-Upscaling von 2K- bzw. 4K-Quellen durch. Einen manuellen Video-Equalizer oder vorgefertigte Bild-Presets gibt es hingegen nicht mehr.
Beim Streaming ist die Marantz-Vorstufe dank HEOS-System sehr gut aufgestellt. Die HEOS-Technologie verteilt Musik aus dem Netz und externen Quellen auf jedes HEOS-kompatible Gerät von Denon und Marantz – egal, ob AV-Verstärker, Soundbar, Kompaktanlage oder Smart-Speaker. Zudem unterstützt HEOS Streaming-Dienste wie Spotify, Napster, Amazon Music (HD), TuneIn, Deezer, SoundCloud und TIDAL.
Ferner ist via Bluetooth, AirPlay 2 oder Netzwerk das Zuspielen von Musik auf Tablets, Smartphones oder USB-Geräten möglich. Zudem lassen sich HD-Audiodateien mit 24 bit / 192kHz sowie von DSD-Files (2,8 und 5,6 MHz) streamen. Auch Radio lässt sich nur streamen, da weder ein UKW- noch ein DAB-Tuner an Bord sind. Ferner ist die AV 10 kompatibel mit dem Audio-Streaming-System von Roon. Bei den Sprachassistenten werden Amazon Alexa, Apple Siri und der Google Assistant unterstützt.



Tonqualität
Über mangelnde Leistung kann man sich beim AMP 10 nicht beschweren: Die Messungen ergaben im 7.1-Betrieb (6 Ohm) üppige 201 Watt pro Kanal. Mit 5 aktiven Endstufen legte der Amp stolze 285 Watt (6 Ohm) bzw. außergewöhnlich hohe 366 Watt (4 Ohm) pro Kanal an den Tag. Im Stereo-Modus kletterte die Power sogar auf 272 (6 Ohm) Watt bzw. 402 Watt (4 Ohm) pro Kanal. Der durchschnittliche Stromverbrauch der AMP-10-Endstufe lag dank Digital-Verstärkern bei klimafreundlichen 166 Watt, in der Regel saugen Endstufen und AV-Receiver das Doppelte aus der Steckdose. Die Vorstufe AV 10 begnügte sich mit knapp 60 Watt.
Bei der Tonqualität der Marantz-Kombi muss man nicht lange diskutieren: Die Dinger klingen klasse! Das Duo trifft die richtige Note zwischen angenehmem, stressfreiem Hören, Musikalität und Detailreichtum – also genau das, was man von der Audiowiedergabe im High-End-Segment erwartet. Schönfärberei betrieb man bei der Abstimmung aber nicht, denn miese Aufnahmen werden schonungslos offenbart und richtig gute klingen dafür fantastisch, was für Filmton- wie Musikquellen gilt. So etwa für Steely Dans praktisch perfekt aufgenommenes Album „Two against nature“ in Dolby Digital 5.1. Von den natürlichen Klangfarben der Instrumente und deren präziser Platzierung im Hörraum über die federnden Bassläufe bis hin zur körperhaften Stimmwiedergabe – das Gebotene war nicht nur Spektakel, sondern ein Genuss. Gleiches gilt für die SACD „Hell or high water“ (DSD 5.1) von Sara K., deren wunderbare Akustik die Marantz-Kombi ausgesprochen glaubhaft in den Hörraum zauberte. Selbstredend gab sich das Gespann bei Atmos-Ton keine Blöße und setzte in wichtigen Disziplinen wie Impulsivität, Bass-Performance und Schallfeld-Ausleuchtung Glanzlichter.
Für den Test führten wir sowohl die Einmessung mit Audyssey als auch Dirac durch, dank 2 Boxen-Speichern und Schnellwahltasten („Smart Select“) kann man zwischen beiden Systemen hin und her schalten und so Vergleiche anstellen. Für den Hörtest nutzen wir die Standard-Filtervorgaben beider Programme, ohne manuell daran herumzuschrauben. Bei Audyssey setzten wir unter „Dynamic EQ“ den „Referenzpegel-Offset“ jedoch auf 15 dB statt 0 dB, um den Rear-Boxen ihr vorlautes Spiel auszutreiben.
Und im Ergebnis? Wie schon beim Test des Marantz „Cinema 40“ entsprach die Dirac-Darbietung mehr unseren Vorstellungen. In Bezug auf die räumliche Darstellung spielte Dirac dreidimensionaler und mit präziser ortbaren Effekten bzw. Instrumenten. Audyssey tönte etwas flacher und direkter, was bei Steely Dan schnell auffiel.
Auch bei der Stimmwiedergabe war Dirac im Vorteil und spielte etwas körperhafter, offener, „lockerer“ und damit natürlicher. Unterschiede gab es auch beim Klangcharakter und den Klangfarben, wobei hier der Geschmack bzw. das gehörte Quellmaterial eine Rolle spielt. Dirac spielte zumindest in unserem Testraum mit etwas mehr Bass und Glanz in den Höhen, was besonders Filmton und Mainstream-Pop gut zu Gehör stand und zusätzliche Spielfreude in den Sound brachte. Audyssey (Filterkurve „Natürlich“) klang hingegen etwas ausgeglichener und zurückhaltender, was sich sehr gut bei klassischer Musik machte – wir hörten Werke von Debussy und Stravinsky gespielt vom Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam unter Leitung von Daniele Gatti (Auro 3D). Mit etwas Geschick und Knowhow lassen sich tonale Eigenheiten jedoch via Einmess-Software auf den eigenen Geschmack bzw. die eigenen Hörgewohnheiten eichen.
Die Endstufe AMP 10 blieb auch bei extremen Pegeln souverän. So tönte das Action-Finale in „Ghost in the Shell“ (Dolby Atmos) auch bei derben Lautstärken aufgeräumt, klar, präzise sowie ohne Anflüge von Stress oder gar Verzerrungen.
Die Unterschiede zwischen Audyssey und Dirac waren auch im Stereo-Betrieb hörbar, uns interessierte aber auch die Performance im „Pure Direct Modus“, der die reinste Klangwiedergabe verspricht. Das Duo spielte auch im Stereo-Betrieb traumhaft und glänzte – was für eine Überraschung – mit denselben Tugenden wie im Mehrkanal-Betrieb. Ganz große Klasse!


Der Testbericht Marantz AV 10 & AMP 10 (Gesamtwertung: 97, Preis/UVP: 14.000 Euro) ist in audiovision Ausgabe 9-2023 erschienen.
Der entsprechende Testbericht ist in unserem Shop als PDF-Dokument zum Download erhältlich.
AV-Fazit
Marantz‘ neue Spitzen-Kombi AV 10 / AMP 10 ist spektakulär in jeder Hinsicht. Ein überragender Klang, enorme Leistung, 16 Endstufen, 2 Einmess-Systeme und tolle Vernetzung. So bleibt als einziger Kritikpunkt eigentlich nur der Preis.
Andreas Oswald

