JBL MA9100HP (Test)

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JBL baute in der Vergangenheit meist teure AV-Klangmaschinen für hochwertige Heimkinos. Jetzt schiebt der Hersteller eine Generation günstiger AV-Verstärker für das Wohnzimmer nach. Wir testen das Topmodell.

Mit der Marke JBL verbinden HiFi- und Heimkino-Fans vor allem Lautsprecher, Smartspeaker und Kopfhörer. Enthusiasten haben vermutlich auch die „Synthesis“-Reihe der Amerikaner mit AV-Vorstufen und AV-Verstärkern der gehobenen Klasse im Blick. Im normalen Preisbereich sah es hingegen ziemlich düster aus.

Bis jetzt, denn im Juli kündigten die Amerikaner mit Firmensitz in Los Angeles gleich fünf Modelle von 550 bis 1.900 Euro an. Entgegen der Synthesis-Baureihe richten sich die Neulinge an eher junge Ein- und Aufsteiger, die für moderne Wohnräume einfache Lösungen suchen. Als „intuitiv, verständlich und bequem zu installieren“ sowie „schlank und elegant, mit einem zeitgemäßen, verspielten Design“ preist JBL seine neuen Verstärker an. Das Flaggschiff fand sogleich den Weg in unser Labor, wo wir den 9-Kanäler in Augenschein nahmen.

Schicker Auftritt
Die Auffälligkeiten beginnen bei der Farbwahl, denn neben dem typischen Schwarz ist der MA9100HP auch in der Weiß (Bild oben) erhältlich. Im düsteren Heimkino zwar nur bedingt sinnvoll, macht die weiße Variante im Wohnzimmer eine elegante Figur.

Zum edlen Auftritt trägt die knapp 4 Millimeter dicke Frontglasplatte, das nur 13,5 Zentimeter hohe Gehäuse und der gelochte, druckfeste Deckel bei. Darüber hinaus ziert zwischen Frontplatte und Korpus ein oranger Farbstreifen das Gehäuse. Die anvisierte Zielgruppe könnte zudem von der LED-Beleuchtung unterhalb der Front angetan sein. Im möglichst dunklen Heimkino ist die Lichtleiste hingegen nicht der Brüller – zum Glück kann man das Licht, das sich in sechs verschiedene Farben einstellen lässt, dimmen oder abschalten. Unabhängig davon lässt sich das Display selbst ebenfalls verdunkeln oder ausknipsen.

Schwarz und Weiß: Je nach Ausführung liegt dem MA9100HP eine farblich passende Fernbedienung bei.

Die beiden großen Räder für Quellenwahl, Volume und das Scrollen durch Menüs wackeln an unserem Test-Exemplar leider etwas und fühlen sich zudem nicht sonderlich hochwertig an. Neben dem Drehen kann man sie zur Auswahl von Menüpunkten auch Drücken, was praktisch ist, aber auch für
den lockeren Sitz sorgen dürfte.

Eine Wonne ist hingegen das Display, das den meisten uns bekannten Anzeigen an AV-Verstärkern die Lewiten liest: Groß, farbig, scharf, hell und trotz Spiegelung des Glases gut lesbar. Lob verdienen auch die Menüs, die sich übersichtlich und intuitiv komplett am Gerät bedienen lassen. Die Struktur des Grundmenüs wird 1:1 auf das Onscreen-Menü gespiegelt, das nicht wie üblich das komplette Bild füllt, sondern nur zu einem Viertel des Bildschirms oben links aufpoppt. Das Onscreen-Menü mit weißem Text auf schwarzem Hintergrund ist simpel gestrickt, so sind weder Grafiken noch Erklärungen vorhanden. Zu unserer Überraschung fehlten zum Testzeitpunkt deutsche Menüs. Zur Wahl standen Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Koreanisch, Japanisch und Chinesisch – was auch im Handbuch vermerkt ist. Hier sollte JBL via Firmware-Update nachbessern.

Apropos Bedienung: Die kleine Fernbedienung aus Plastik liegt je nach Farbwahl des AV-Verstärkers in Schwarz oder Weiß (siehe Bilder rechts) mit im Karton. Nur wenige Tasten sind für Grundfunktionen vorhanden, was für den Alltag aber ausreicht und ein Verdrücken (oder langes Suchen) nach kurzer Eingewöhnungsphase ausschließt. Wer mehr Funktionen aus der Ferne steuern will, muss zur App „JBL Premium Audio“ greifen, um etwa auf das Web-Radio oder UPNP-Streaming zugreifen zu können. Für die Einmessung wird eine weitere App namens „EZ Set EQ“ von Harman Kardon benötigt, mehr hierzu lesen Sie im Kasten auf der nächsten Doppelseite. Optional kann man auch das Einmess-System Dirac Live nutzen, die dafür notwendige Lizenz kostet um die 300 Euro.

Solide: 3 der 6 HDMI-Eingänge verarbeiten 8K/60p- bzw. 4K/120p-Signale, der Rest macht bei 4K/60p Schluss. Pre-outs gibt es nur für zwei Subwoofer (nicht getrennt regelbar). Zwei analoge Stereo-Cinch-Eingänge plus Phono sind recht knapp bemessen. Digital geht es via Toslink und Koax ins Gerät. Eine Kopfhörerbuchse sucht man übrigens vergebens.

Viel Luft: Im Gehäuse des MA9100HP gibt es erstaunlich viel Freiraum. Das liegt hauptsächlich an der kompakten Bauweise der 9 Class-D-Endstufen, die eine ausufernde Stromversorgung und Kühlung unnötig macht.

Das Grundmenü poppt oben links im Bildschirm auf, es ist recht simpel gestrickt und verzichtet auf Grafiken und Erklärungen.

Zur Einmessung aller Lautsprecher verwendet der MA9100HP die App „EZ Set EQ“ von Harman Kardon. Bei iOS-Geräten von Apple kann man das Mikro von iPhone oder iPad nutzen, Android-Nutzern wird ein externes Mikrofon (im Handbuch nennt JBL das Dayton Audio iMM-6C USB-C) empfohlen.

Vor der Messung müssen die meisten Werte der Boxenkonfiguration manuell im Grundmenü eingegeben werden, denn die Mess-Software wirkt sich nicht auf die Verzögerungs- oder Pegelanpassung aus. Um einen Laser-Entfernungsmesser und ein Schallpegelgerät (oder eine entsprechende App) kommt man also nicht herum. Die EZ-App selbst korrigiert lediglich den Frequenzgang unter Berücksichtigung einer in der App deklarierten Crossover-Frequenz und optionalen Bass- Anhebung bzw. -Senkung. Zudem erfolgt die Korrektur hauptsächlich im Tiefton für „nur minimale Auswirkungen auf die Gesamtabstimmung des Lautsprechers“, wie es im Handbuch heißt. Die App misst zudem den Subwoofer stets zusammen mit den Hauptlautsprechern. Die Begründung: „Auf diese Weise erstellt das System eine Momentaufnahme der kombinierten Leistung der Lautsprecher- und Subwoofer-Systemintegration.“ Apropos System: Bis auf den Center werden alle Boxen als Paare gemessen und nicht einzeln, was die Optimierungsmöglichkeiten beschränkt.

Die Einmessung selbst gelingt einfach, erfordert aber „Sportlichkeit“. Denn während eines Rauschtons muss man mit dem Smartphone oder Tablet in der Hand umherlaufen und den kompletten Hörraum akustisch erfassen – auch in der Höhe. Das kann dann schon mal den Übungen eines Fitness-Programms ähneln. Zum Schluss werden die Daten ausgewertet und für die Korrektur genutzt. Grafen zeigen am Ende die Originalkurven und den optimierten Frequenzgang an. Auf Wunsch kann man die Korrektur komplett oder auch für einzelne Boxenpaare deaktivieren.

Einfache Einmessung: Nach wenigen Konfigurationsschritten sieht man das Ergebnis: Rot ist der gemessene Frequenzgang, grün der optimierte.

Dolby Atmos und DTS:X
Als größter Vertreter der neuen JBL-Verstärker bringt der MA9100HP 9 Digital-Endstufen in Class- D-Bauweise mit. Das sorgt für wenig Abwärme und geringen Stromverbrauch bei hoher Leistungsausbeute. Pre-outs gibt es nur für zwei Subwoofer, die sich nicht getrennt regeln lassen. Maximal können so Boxen-Layouts mit zwei (7.2.2) oder vier Höhenboxen (5.2.4) realisiert werden. Nicht unterschieden wird zwischen Top- und Height-Positionen, Menüs und Handbuch sprechen ausschließlich von „Top“-Positionen (Top Front, Top Middle und Top Rear) sowie „Deckenmontage“ oder Dolby-fähig. Die Einstellung von „Dolby-fähig“ ermöglicht die Nutzung von Aufsatz-Boxen für Atmos-Höhensound via Deckenreflexion des Schalls.

Bei der Boxenkonfiguration lassen sich ihre Dis tanzen nur in 10-Zentimeter-Schritten (entsprechend auch in Zoll oder in Millisekunden) eingeben. Das reicht nicht, um feine Distanzunterschiede etwa bei den Hauptlautsprechern auszugleichen. Die Lautstärkepegel sind für jede Box in 0,5dB-Schritten anpassbar. Die Crossover-Frequenzen kann man zwischen 30 und 200 Hertz für jedes Boxenpaar und Center separat regeln.

An 3D-Ton-Decodern sind Dolby Atmos und DTS:X mit von der Partie sowie die Mischer Dolby Surround, Dolby Atmos Virtualization und DTS Neural:X. Das Cross-Format-Upmixing von 2D-Ton klappte im Test problemlos. IMAX Enhanced hat der Amp nicht auf dem Kasten, auch Raumsimulationsprogramme suchten wir vergebens. Die Stereo-Wiedergabe kann man allerdings in Form von 2.0 oder 2.1 (mit Subwoofer) wählen. An Klangschaltungen sind ein Dialog Enhancer, eine Dynamikkompression für Dolby und DTS sowie DTS Dialog Control dabei. Bass und Höhen darf man regeln, ein klassischer Equalizer ist hingegen nicht vorhanden.

Die Video-Sektion des MA9100HP ist dank HDMI 2.1 auf dem neuesten Stand, 3 der 6 Eingänge verarbeiten Auflösungen mit 8K/60Hz bzw. 4K/120Hz, der Rest versteht sich auf 4K/60p. Bei den HDR-Formaten werden Dolby Vision, HDR10+, HDR10 und Dolby Vision unterstützt, hinzu kommt VRR, ALLM und QFT für den Spielspaß via Konsole oder PC.

In Sachen Streaming ist der JBL-Amp gut aufgestellt. Drahtlos geht es via Bluetooth, Chromecast und AirPlay 2 ins Gerät, zudem gibt es ein Webradio (UKW und DAB fehlen hingegen), Spotifiy Connect, Tidal Connect, USB-Streaming und UPnP-Streaming via Server. Darüber hinaus ist der Verstärker kompatibel mit SmartThings und der „Roon“-Software. Fehlanzeige sind hingegen Sprachassistenten.

Das Menü am Gerät ist auch dank des tollen Displays ein Hingucker und lässt sich intuitiv bedienen. Unter dem Gerät gibt es eine LED-Leiste.

Im „Audio“-Reiter des Grundmenüs kann man unter anderem das Einmess-System EZ Set EQ ein- bzw.
ausschalten und Bluetooth konfigurieren.

Tonqualität
Im Messlabor bot unser Testmuster des MA9100HP nicht nur für seine Preisklasse üppige Leistungswerte. Im Stereo-Modus an 4-Ohm-Last waren es beachtliche 175 Watt pro Kanal, an 6 Ohm immer noch 155 Watt. Im 7-Kanal-Betrieb (6 Ohm) standen 154 Watt pro Kanal auf dem Zähler, starke 160 Watt (6 Ohm) bzw. 169 Watt (4 Ohm) pro Kanal lieferte der Amp im 5.1-Modus. Der durchschnittliche Stromverbrauch lag dank Digital-Endstufen bei ausgezeichneten 73,1 Watt. Der „stille“ Verbrauch im HDMI-Pass-Through-Modus war mit 7,2 Watt bei ausgeschaltetem Gerät dafür recht hoch; normal sind hier Werte zwischen 0,2 bis 2 Watt.

Vor dem Hörtest führten wir die Einmessung mit der „EZ“-Software durch. Damit legte der JBL-Amp auf Anhieb einen sehr lebendigen, direkten und anspringenden Auftritt hin. Er sprudelte vor Spielfreude. Eric Claptons Gitarre beim Konzert in der Royal Albert Hall (Test der neuen 4K-Blu-ray auf Seite 94) sprang förmlich aus den Lautsprechern und versprühte dabei viel Realismus. Der E-Bass wummerte butterweich, doch sauber – Gesang stand körperhaft und natürlich klingend im Raum.

Als nächstes rotierten Dolby-Amos-Trailer im Player. Sound-Felder haben wir zwar schon größere vernommen, dafür schälte der JBL jedes noch so kleine Detail heraus und setzte es bombenfest an seinen Platz. Die spitzenmäßige Durchhörbarkeit von 2D- und 3D-Objekten sorgt für einen sehr plastischen, realistischen Klangeindruck, auch Effekte über dem Kopf spielten bestens nachvollziehbar. Der Panzer im Finale von „Ghost in the Shell“ (Dolby Atmos) wütete mit gebührender Wucht, Tiefe und auch Präzision, die Effekte-Orgie donnerte zudem sehr realistisch und dynamisch zupackend. Trotz derber Pegel verlor der Amp nie die Übersicht und fuhr nicht spitz ins Ohr. Dolbys DRC-Schaltung kappte zuverlässig Dynamik- und Bassspitzen für das nächtliche Actionfest.

Auch mit Stereo-Musik legte der JBL eine vorzügliche Figur hin. Der Amp verkniff sich Härten, spielte fein auflösend, impulsiv und dynamisch, dabei eher direkt als ausladend sowie mit kräftigem Fundament. Feine Sache.

Der Testbericht JBL MA9100HP (Gesamtwertung: 77, Preis/UVP: 1.900 Euro) ist in audiovision Ausgabe 11-2024 erschienen.

Der entsprechende Testbericht ist in unserem Shop als PDF-Dokument zum Download erhältlich.

AV-Fazit

77 Gut

Der JBL MA9100HP entpuppt sich als optisch schicker AV-Verstärker mit tollem Klang und guter Streaming-Ausstattung. In technischen Heimkino-Disziplinen lässt er allerdings Punkte liegen, so dass ein „sehr gut“ knapp verpasst wird.

Andreas Oswald

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