Bowers & Wilkins 600 S3-Serie (Test)

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Nach den „großen“ B&W-Baureihen war jetzt die 600er-Einstiegs-Serie an der Reihe: Als letzte bekam sie das S3-Facelift verpasst. Inwiefern profitiert der Klang vom neuen Anstrich?

Im Vergleich zu den 700er- und 800er-Serien von Bowers & Wilkins wirken die Boxen der neuen 600 S3-Generation geradezu langweilig konventionell: Keine aufgesetzten Mittel- und Hochton-Tropfen, kantige, folienbeschichtete Gehäuse mit aufgesetzter, lackierter Front – so hat man schon vor 30 Jahren Lautsprecher gebaut.

Das muss ja erstmal nicht schlecht sein, bedeutet aber, dass die Engländer hier auf eine Dimension bei der Entwicklung verzichten. Und das sicher aus finanziellen Gründen, ist doch die 600er-Serie die kleinste Serie im Programm und soll deswegen möglichst bezahlbar ausfallen. Der Preis des Testsets ist mit knapp 6.000 Euro tatsächlich nicht mehr im „kann ich mir eh nicht leisten“-Bereich, auch wenn man den Betrag nicht mal eben aus der Portokasse bezahlt.

Auf was muss man im Vergleich zu den Top-Serien verzichten? Oder anders gefragt: Bleibt genügend von der B&W-Technologie übrig, um auch in diesem Preisbereich für den Klang zu sorgen, für den das britische Unternehmen bekannt ist?

Verzichten muss man auf edle Oberflächen und moderne, abgerundete Gehäuseformen. Nicht dass die 600er nachlässig verarbeitet wären, auch näheres Hinsehen zeigt nichts als saubere, gleichmäßige Passungen und einwandfreie Kanten. Doch folierte Oberflächen bleiben halt folierte Oberflächen, auch wenn die Kunststoffe sich über die Jahre in Haptik und Anfassqualität deutlich verbessert haben. Hier bietet sauber aufgetragener Lack oder Echtholz-Furnier Augen und Händen immer noch merklich mehr Wohlbefinden. Was übrigens andere Hersteller auch in diesem Preisbereich berücksichtigen und die Mehrkosten dafür in Kauf nehmen.

Die inneren Werte
Wohlgemerkt, einen Nachteil bei der Klangqualität verursacht die „unedlere“ Oberfläche nicht. Dafür sind die eingesetzten Technologien, also Chassis und deren Details, deren Anordnung auf der Schallwand sowie die Abstimmung über die Frequenzweiche zuständig. Und in diesen Punkten hat sich der britische Hersteller nicht lumpen lassen: So verpassten die Entwickler den Hoch tönern ein eigenes Volumen, das sich ähnlich wie die der größeren Baureihen röhrenförmig nach hinten verjüngt und so zusammen mit dem integrierten Dämpfungsmaterial für eine optimierte Beseitigung des von der Kalotte nach hinten abgestrahlten Schalls sorgt. Der Hochtöner sitzt allerdings hier nicht oben auf der Box, sondern wurde ins Gehäuse integriert. Als Material für die 25-Millimeter-Kalotte verwendet Bowers & Wilkins Titan. Dies fällt so steif aus, dass die erste Resonanz der Schwingeinheit erst bei 36 Kilohertz auftritt, also weit außerhalb des menschlichen Hörbereichs. Zusätzlich verpasste der Hersteller den Hochtönern noch ein großflächiges Schutzgitter, das ein großes Öffnungsverhältnis aufweist und so dem hochfrequenten Schall deshalb sehr wenig Widerstand in den Weg legt.

Um ein homogenes Rundstrahlverhalten nicht nur in horizontaler, sondern auch in vertikaler Richtung zu erzielen, sollte der Hochtöner so dicht wie möglich an dem frequenzmäßig benachbarten Chassis montiert werden. Mit herkömmlicher Treiber-Bauweise sind dem aber Grenzen gesetzt, da sind Flansche und Montageringe im Weg. Deshalb konstruierten die Entwickler Montage ringe für die Tief- und Mitteltöner mit einem für den Hochtöner passend geformten Ausschnitt, so dass die Treiber sehr dicht zusammenrücken können.

Das Schutzgitter des B&W-Hochtöners setzt dank großem Öffnungsfaktor den Schallwellen sehr wenig Widerstand entgegen. Das sich verjüngende Rohr hinten sorgt für effektive Dämpfung des Schalls von der Kalotten-Rückseite.

Die Tieftöner der 603 S3 werden von einem massiven Magneten angetrieben. Der Korb aus Aluminium Druckguss sorgt für Stabilität und Vibrationsarmut.

Seit Jahrzehnten setzt B&W auf Mitteltöner in FST-Bauweise: Statt einer Gummisicke wird die Membran bis nach außen geführt und abgekantet. Die Verbindung zum Korb übernimmt ein flexibler Schaumstoffring.

Unter Hifi-Fans ist die Verwendung von Front-Abdeckungen bei Lautsprechern weithin verpönt. Die Logik dahinter ist einfach: Alles, was sich zwischen den die Musik abstrahlenden Membranen und den Ohren der Zuhörer befindet, kann die Klangqualität nur verschlechtern. Das trifft in gewisser Weise auch zu, allerdings im Falle einer gut gemachten Frontabdeckung nicht unbedingt dramatisch. Dabei kommen nämlich in aller Regel entweder Gitter mit großem Öffnungsverhältnis (also einfach gesprochen viel Loch und wenig Steg) zum Einsatz, und die sind akustisch ziemlich transparent, lassen also Schall komplett durch. Die andere Variante ist eine besondere Art Stoff, der ebenfalls sehr schalldurchlässig ist. Diese Stoffe dämpfen allenfalls höchste Frequenzen, und das nur in sehr geringem Maße. Typisch ist hier eine Dämpfung von rund einem Dezibel bei 20 KHz. Es gibt einige Hersteller, die beziehen die Frontabdeckung sogar in die Abstimmung der Lautsprecher mit ein, und setzen voraus, das ihre Boxen immer mit aufgesetzter Frontabdeckung gehört werden.

Zu denen gehört Bowers & Wilkins nicht, zumindest steht nichts dergleichen in den Bedienungsanleitungen. Zudem zeigt eine Vergleichsmessung, dass die akustische Auswirkung der B&W-Abdeckung (hier die der 606 S3) über die reine Stoffdämpfung hinausgeht. Schon ab 400 Hertz sind leichte Änderungen im Frequenzgang zu sehen, wahrscheinlich durch Reflexionen vom Rahmen der Abdeckung. Deutlich massiver wird´s dann im Hochtonbereich, wo die Abweichung stellenweise mehr als zwei Dezibel erreicht. Das kann sich durchaus wahrnehmbar im Klang auswirken.

Die akustische Wirkung der Frontabdeckung der 606 S3 ist über den Frequenzgang durchaus messbar und übersteigt stellenweise zwei Dezibel.

Gerade im Heimkino bewährt es sich häufi g, zumindest für den oder die Subwoofer eine Möglichkeit parat zu haben, den Klang an Aufstellung und Raumakustik anzupassen. Eine solche Option bietet der ASW610 von Bowers & Wilkins, genauer gesagt sogar zwei: nämlich zwei kleine, aber durchaus wirkungsvolle Schalter, der eine heißt „Bass Extension“, der andere „EQ“. Ersterer dient dazu, dreistufig die untere Grenzfrequenz des Subs nach oben zu verschieben. Das ist insbesondere dann hilfreich, wenn der Sub in der Nähe einer Wand oder gar einer Raumecke aufgestellt wird.

Diese Aufstellung bewirkt nämlich eine zu tiefen Frequenzen deutlich ansteigende Schallerzeugung, die Anhebung kann in einer Raumecke im Maximum bis zu 18 Dezibel betragen. Das kann die Klangbalance durcheinanderwürfeln. Das gilt umso mehr in kleineren Räumen, weil hier der sogenannte Druckkammer-Effekt hinzukommt, der unterhalb der niedrigsten Raumresonanz die Wiedergabe noch einmal um zwölf Dezibel pro Oktave zum Bass hin ansteigen lässt.

Der zweite Schalter hebt Frequenzen um 50 Hertz um etwa drei Dezibel an. Damit lassen sich Auslöschungen in diesem Bereich, die nach Meinung der Entwickler in vielen Räumen und Aufstellpositionen auftreten, etwas ausgleichen. Wer für seine Aufstellung und seinen Raum die optimale Einstellung finden will, muss zum Glück nicht auf Messtechnik zurückgreifen, sondern kann seinen Ohren trauen. Die Anzahl der Optionen ist begrenzt, so dass es nicht schwerfallen dürfte, die beste Einstellung herauszufinden.

Die blaue, schwarze und grüne Kurve zeigen die Wirksamkeit des „Bass Extension“-Schalters, die rote Kurve zeigt den Verlauf mit aktiviertem „EQ“-Schalter.

Aus den großen Serien übernommen haben die Briten das Membranmaterial der Tiefmittel- und Mitteltöner, nämlich das so genannte „Contiuum“. Dessen genaue Zusammensetzung wollen die Entwickler immer noch nicht verraten, außer dass es sich um einen Polymer-Werkstoff, also einen Kunststoff, handelt. Es soll freilich resonanzärmer und hochdämpfender sein als früher verwendete Materialien. Nicht mehr wegzudenken aus B&W-Lautsprechern ist die Bauweise der Mitteltöner, wie sie im Testset in den Front boxen 603 S3 eingesetzt werden: Die äußere Aufhängung ist nicht als halbkreisförmige, hochflexible Sicke ausgeführt, sondern der Rand der Membran ist nach hinten abgekantet und dann mit einem dünnen Schaumstoffring am Korb befestigt. Diese Technik nennt der Hersteller „Fixed Suspension Transducer“ (FST). Mit diesen Maßnahmen sollen sich Eigenresonanzen der Membranen besser unter Kontrolle bringen lassen als mit Gummisicken und deren ebenfalls nennenswerte Eigenschwingungen vermeiden.

Die beiden 16-Zentimeter-Tieftöner der 603 S3 bekamen stabile Papiermembranen mit auf den Weg, was für ihren Arbeitsbereich unterhalb von 400 Hertz mehr als adäquat ist. Der satt dimensionierte Magnetantrieb und die stabilen Druckguss-Körbe aus Aluminium sollen zusammen mit der rückseitigen Bassreflexöffnung für eine saubere wie tiefreichende Basswiedergabe sorgen. Beim Center HTS 6 S3 und den Surrounds 606 S3 gibt es keine Mitteltöner, deshalb übernehmen deren Tieftöner (ein 16er bei den Surrounds, zwei 13er beim Center) deren Part und bekamen dafür eine Contiuum-Membran spendiert.

Der 25-Zentimeter-Treiber des Subwoofers ASW610 bringt eine mit Aramidfaser verstärkte Papier-Membran mit und wird von einer Schaltendstufe mit 200 Watt angetrieben. Er fällt durch eine getrennte Pegelregelung für die Line- und Hochpegeleingänge auf. Daneben gibt es Regler für Phase und Trennfrequenz. Zudem lässt sich das Tiefpassfilter komplett deaktivieren, damit der Heimkino-Receiver die Frequenzzuweisung ungestört übernehmen kann. Und nicht zuletzt kann der Sub mit zwei Equalizer-Schaltern aufwarten, über die man seinen Klang an Aufstellung und Raumakustik anpassen kann.

Tonqualität
Hut ab: Trotz seiner vergleichsweise geringen Verstärkerleistung und der geschlossenen Bauweise kann der ASW610 mit einem Maximalpegel von 105 Dezibel und einer unteren Grenzfrequenz von 26 Hertz punkten. Der Frequenzgang der Frontboxen weist zwischen 2 und 3 Kilohertz eine kleine Senke auf, die von Center und Surrounds verlaufen linearer. Insgesamt zeigen alle drei Boxentypen einen sehr ordentlichen Wirkungsgrad. Die Impedanz der Frontboxen sinkt allerdings bei 110 Hertz unter 3 Ohm. Sie benötigen also Verstärker mit hohem Strom-Potential. Das Rundstrahlverhalten des Centers zeigt im Mitteltonbereich deutliche Einschnürungen schon bei mittleren Winkeln.

Hört man dem Set dann aber zu, sind diese kleinen Unregelmäßigkeiten schnell vergessen. Das Set zeigt eine lockere und entspannte, dabei aber immer akkurate Gangart, die Heimkino-Scores und Musik gleichermaßen zum Genuss werden lässt. So bildet es den idyllischen Einzug von Gandalf ins Auenland im ersten „Herr der Ringe“-Film entspannt ab und zieht die Zuhörer angenehm in das Geschehen hinein. Aber: Einschlafen ist nicht, denn wenn es mit Karacho und Dynamik zur Sache geht, beispielsweise bei der Abschleppwagen-Szene aus „Terminator – Die Erlösung“, dann zieht das Set locker mit und knallt die gemeinen Bassschläge mit Nachdruck in den Raum.

Stimmen, wie die von Dave Matthews, der mit Tim Reynolds in der Radio City Music Hall sein „Crash Into Me“ zum Besten gibt, kommen schön definiert, allerdings auch leicht belegt und mit etwas betonten Zischlauten. Auch bei „They can´t Take that Away From Me“ mit Jane Monheit und John Pizarelli ist dieser Effekt zu hören, was der Gesamtperformance aber wenig Abbruch tut: Die räumliche Abbildung von Stimmen und Instrumenten gelingt dem Set konturenscharf und stabil, das Klangbild wirkt insgesamt ausgewogen und sauber abgestimmt.

Immer lohnenswert ist das Stück „Listen Up!“ von und mit Schlagzeuger Omar Hakim, der sich und seine kongenialen Mitmusiker hier aufs Feinste präsentiert und so abmischen ließ, dass der Zuhörer sich zwischen ihnen wähnt. Das gelingt auch dem 600 S3-Set von Bowers & Wilkins sehr schön, der Spaß der Instrumentalisten bei ihrem Spiel kommt genauso rüber wie deren Positionierung im Mix und die beispielhafte Klangqualität der Aufnahme.

Musik mit nur zwei Kanälen bringt die 603 S3 ebenfalls mit hoher Klangqualität zu Gehör, Clair Marlo glänzt beispielweise bei ihrem „Let it Go“ mit ihrer facettenreichen, aussagekräftigen Stimme, ihre Band spielt knackig auf den Punkt und sehr schön homogen. Das räumliche Bild, das die Engländer projizieren, bleibt immer stabil und hat durchaus Tiefe und Dreidimensionalität.

Der Testbericht Bowers & Wilkins 600 S3-Serie (Gesamtwertung: 85, Preis/UVP: 6.000 Euro) ist in audiovision Ausgabe 4-2024 erschienen.

Der entsprechende Testbericht ist in unserem Shop als PDF-Dokument zum Download erhältlich.

AV-Fazit

85 Sehr gut

Zwar fehlt dem 600 S3-Set von Bowers & Wilkins die unbedingte Lockerheit und Selbstverständlichkeit ihrer größeren Geschwister. Die sucht man allerdings auch bei Kandidaten anderer Hersteller in dieser Preisklasse vergebens. Und mit denen können die Brit-Boxen locker mithalten.

Michael Nothnagel

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