Tormaschinen: Die TV-Trends der letzten Fußballweltmeisterschaften

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Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland steht vor der Tür. Anlass für uns, einen Blick auf die letzten WM-Turniere zu werfen – und auf die Fernseher, auf denen diese zu sehen waren

2006: WM im eigenen Land

Der Ball rollt: Deutschland erlebt vom 9. Juni bis 9. Juli 2006 ein Sommermärchen. Menschen aus aller Welt ziehen durch deutsche Innenstädte, feiern mit den Einheimischen, aalen sich auf grünen Wiesen und Campingplätzen. Die Hotels sind restlos ausgebucht, Biergärten im Public-Viewing-Fieber. Überall riecht es nach Gegrilltem, Bier, guter Laune und Baggersee. An jedem zweiten Auto flattern Deutschland-Fahnen, aus dem Radio dröhnen bei runtergelassenen Scheiben die Sportfreunde Stiller mit „’54, ’74, ’90, 2006“ oder Xavier Naidoo mit „Dieser Weg“.

Bei Spielen der deutschen Mannschaft hängt die Nation kollektiv vor der Glotze. Letztere ist immer seltener quadratisch und klobig, sondern plötzlich ziemlich flach. Wer in München über die Leopoldstraße flaniert, sieht die flachen Flundern an jedem Straßenlokal, ganz gleich, ob dort Eis, Schnaps, Döner oder Schweinebraten serviert wird. Die Fußball-WM 2006 markiert den Durchbruch der neuen Fernseher in den Massenmarkt. Viele kaufen extra zur Weltmeisterschaft einen Flat-TV und laden die beeindruckte Nachbarschaft zum nächsten Match ein, die daraufhin auch so ein neues Gerät braucht. Für Bars, Kneipen, Biergärten und Restaurants gehören die Flachmänner 2006 eh zum Pflichtprogramm. 

Röhre vor dem Aus

Aber so flach, wie der Namen damals suggerierte, waren die Flat-TVs des Modelljahrgangs 2006 gar nicht: Oft waren sie über zehn Zentimeter dick und somit aus heutiger Sicht ziemlich stattliche Pummel. Übertragungstechnisch gesehen befinden wir uns noch zum allergrößten Teil in der SDTV-Ära: Lahm, Klose und Ballack flitzen bei ARD und ZDF noch in 576i über den Bildschirm. Hochaufgelöstes Fernsehen und Filme sind im täglichen Gebrauch noch eine Seltenheit, auch wenn die Blu-ray und die HD-DVD bereits in den Startlöchern stehen und die konventionelle DVD ablösen wollen. Der Bezahlsender Premiere, der heute Sky heißt, spielt die Vorreiterrolle und überträgt alle 64 Partien live. Der Clou an der Sache: Premiere zeigte die Matches in HDTV, sofern man einen passenden Empfänger besaß, etwa von Humax. Abonnenten konnten zwischen 4:3- und 16:9-Format wählen und sich bei deutschen Spielen sogar an verschiedenen Kameraperspektiven erfreuen. Wir empfehlen, die Technik in den eigenen vier Wänden vor der WM zu aktualisieren und schreiben: „Breitbild bringt eine bessere Spielfeld-Übersicht, HDTV zeigt kleinste Details messerscharf und Dolby Digital 5.1 transportiert den stadionfüllenden Sound nach Hause.“

Plasma gegen  LCD

Auf den meisten 16:9-Flachbild-Fernsehern prangt das „HD ready“-Logo, was signalisieren sollte, dass das Gerät 720p beherrscht. Die Zahl 720 steht dabei für die vertikale Auflösung und der Buchstabe „p“ für die progressive Bildbearbeitung. TVs, die so gekennzeichnet waren, konnten 1.280 x 720 Bildpunkte auflösen. Zum Vergleich: Der gute alte 4:3-Röhrenfernseher, der bei größeren Exemplaren schon mal über einen Zentner inklusive Bandscheibenvorfall wiegen konnte, kam auf nur 720 x 576 Bildpunkte. Diesen Unterschied verstanden allerdings nur wenige Interessenten – Hauptsache, das Ding war flach! Im Juni 2006 kommt mit dem Pioneer-Plasma PDP-5000EX der erste Fernseher auf den Markt, der die Full-HD-Auflösung von 1.920 x 1.080 Pixeln beherrscht, aber dies geht – olé, olé – im WM-Trubel unter.

Der erste Full-HD-Fernseher, der Pioneer-Plasma PDP-5000EX, kostete 8.500 Euro.

Im TV-Testfeld zur WM 2006 setzt sich in Ausgabe 6-2006 der 2.200 Euro teure Panasonic-Plasma TH-42 PV 60 E durch, der sogar das preiswerteste Gerät im Testfeld ist. Witzig: Die getesteten HD-ready-Fernseher waren damals allesamt zwischen 37 und 42 Zoll groß, worüber wir heute mit unseren 65-Zoll-Riesen nur müde lächeln können. Überhaupt hieß das Duell damals Plasma gegen LCD. Ersteren wurden bessere Schwarzwerte im Heimkino nachgesagt, aber auch ein hoher Stromverbrauch. Letztere brauchten weniger Strom, erzielten aber längst kein so sattes Schwarz.

2010: Volle Dröhnung

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika wünscht man sich erstmals Fernseher ohne Lautsprecher, ein defektes Hörgerät oder XXL-Ohrenschmalz: Das permanente Vuvuzela-Getröte, das an einen nervösen Hornissenschwarm vor der Attacke erinnert, nervt ohne Ende! Doch der Mensch gewöhnt sich bekanntlich an alles und richtet den Blick nach den ersten Krachirritationen auf den Ball. Das genaue Hinsehen lohnt sich: ARD und ZDF übertragen die erste Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden erstmals in HDTV! Wir betiteln unser TV-Testfeld zur WM in Ausgabe 6-2010 mit „Das Wunder von HDTV“. Ein paar Seiten weiter wird – wie passend – „Das Wunder von Bern“ besprochen.

Ein Zeitsprung von vier Jahren macht sich natürlich auch bei der TV-Technik bemerkbar: Full-HD-Auflösung (1.920 x 1.080 Pixel) gilt mittlerweile als Standard, HD-ready-Geräte finden sich nur noch vereinzelt bei kleineren Apparaten. ARD und ZDF übertragen allerdings nach wie vor nur in 720p.

audiovision 06-2010 bei den 40-Zöllern: Toshiba 40 XV 733 G, heute fertigen die Japaner keine eigenen Fernseher mehr für Europa.

Apropos Größe: Die Fernseher wachsen. 60 oder gar 65 Zoll gelten 2010 zwar noch als Ausnahme, aber 50 oder 55 Zoll sind keine Seltenheit mehr. Gerade bei der WM spielt die Größe eine entscheidende Rolle, wie Redakteur Ulrich von Loehneysen im Editorial feststellt: „Alle gehen dorthin, wo es den größten Fernseher gibt.“ Dennoch stehen 40- und 46-Zöller mengenmäßig am höchsten im Kurs, wie das Testfeld in audiovision 6-2010 zeigt.

3D, juchhe!

Ach ja: 2010 gilt die 3D-Technologie bei Fernsehern als nächstes großes Ding. Die ersten Modelle von Samsung, Panasonic und Sony erscheinen samt passenden Playern im Frühling mit 3D-Funktion und sorgen für offene Münder. Die Hersteller setzen bei den Brillen auf die aktive Shutter-Technik, bei der die Brille mit dem TV Kontakt aufnimmt und abwechselnd das rechte und das linke Auge verdeckt. Das jeweilige Auge bekommt ein speziell für es berechnetes Bild zu sehen, wobei durch den Unterschied der beiden Bilder ein räumlicher Eindruck im Gehirn entsteht. Im Kino verhilft „Avatar“ dem 3D-Hype parallel dazu zum Durchbruch. Das ist zwar für die Fußball-Weltmeisterschaft ohne Relevanz, wohl aber im Heimkino, wo die ersten 3D-Discs wie zum Beispiel „Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen“ einschlagen.  Apropos Fleischbällchen und andere Appetithäppchen: Die Redaktion gibt in einem großen Special Tipps, wie die perfekte WM-Party gelingt – von Leihgeräten über den optimalen Empfang bis hin zur Stromversorgung im Freien. Unser damaliges Fazit: „Damit es ein rundum gelungener Fußball-Abend wird, braucht man beides: ein möglichst großes, kontraststarkes Bild und eine Stimmung wie im Stadion. Dank Zeitlupe, Nahaufnahme und beliebiger Wiederholung sieht man dann sogar mehr vom Spiel als vor Ort. Und die Getränke sind definitiv billiger.“

2014: Weltmeister!

Noch mal vier Jahre später: 2014 ist Ultra-HD bereits ein Thema. Doch muss Chefredakteur Christoph Steinecke im Editorial feststellen: „Zwar werden ausgewählte Spiele der am 12. Juni beginnenden Fußball-WM in Ultra-HD aufgezeichnet – von einer Übertragung mit 3.840 x 2.160 Pixeln in unsere Wohnzimmer sind wir aber Jahre entfernt. ARD und ZDF senden ja noch nicht einmal in Full-HD, was angesichts des globalen HD-Übertragungsstandards doppelt ärgerlich ist.“ Dafür freut er sich über den Erfindungsreichtum mancher Hersteller: „So schneiden die neuesten Smart-TVs von Samsung bei aktiviertem „Fußball“-Modus die Spielübertragung mit. Der Fan kann sich umstrittene Entscheidungen und heikle Strafraumszenen immer und immer wieder ansehen. Dies beherrschen zwar auch andere Geräte, doch der Samsung erkennt anhand der Geräuschkulisse die wichtigen Spielmomente und fasst diese automatisch zu einer Highlight-Show zusammen.“

Ultra-HD und Curved

Auch der Rest der Ausgabe 6-2014 steht ganz im Zeichen von König Fußball: Im Rahmen der „Mega-Kaufberatung“ werden 30 Fernseher für das bevorstehende Spektakel auf Herz und Nieren getestet, darunter auch zwei brandneue UHD-Geräte von Sony und Panasonic. Letzteres, der Panasonic TX-65 AXW 804, setzt sich knapp gegen den Sony durch und erfreut die Tester durch sein tolles Bild und die Möglichkeit, 4k-Inhalte problemlos per USB oder das Internet bewundern zu können. Plasma-TVs spielen hingegen keine Rolle mehr: Panasonic hatte 2013 als letzter Hersteller zähneknirschend deren Produktion eingestellt.

Curved-Modell Samsung HU8590 mit feinen Features für Fußballübertragungen.

Dafür weckt eine neue Technologie Hoffnungen: OLED. Vor allem Heimkino-Fans, die bei Filmen die beste Qualität erzielen möchten, freuen sich nach dem Plasma-Aus auf eine High-End-Alternative, die ein noch tieferes Schwarz ermöglichen soll. Doch wir treten noch auf die Euphoriebremse: „Neu sind die OLED-Fernseher. Doch trotz ihrer teils hervorragenden Bildqualität ist die Technik noch nicht ausgereift – weswegen die beiden einzigen am Markt befindlichen und nicht mehr ganz taufrischen OLED-Modelle in unseren Empfehlungen fehlen.“ Und noch etwas sorgt 2014 für Schlagzeilen: Die ersten Curved-Fernseher, die zur Zeit der WM in Brasilien aber noch sehr selten anzutreffen sind.

Wie sich die Zeiten doch ändern: Curved ist – ebenso wie 3D – heute nur noch ein Randgruppenthema und wird von den TV-Herstellern kaum noch angeboten.

2018: Na sdórowje!

Auch die klimatischen Verhältnisse verändern sich: Vom heißblütigen Brasilien geht es ins kühle Russland, wo das deutsche Team seinen Titel verteidigen will. Wie immer werden ARD und ZDF alle Spiele übertragen, sowohl im Free-TV als auch per Live-Stream im Internet. Probleme durch eine Zeitverschiebung gibt es nicht, da diese sich mit nur plus einer Stunde in Grenzen hält. Ausnahmen: die Spielorte Samara (plus zwei Stunden) und Jekaterinburg (plus drei Stunden).

Dennoch gibt es Anlass zur Kritik an den öffentlich-rechtlichen Sendern: Alle 64 Spiele werden zwar theoretisch in UHD-Auflösung mit 60 Vollbildern pro Sekunde samt HDR übertragen, wie die FIFA mitgeteilt hat. Doch ARD und ZDF werden sich leider auf HD beschränken. Schade, denn in deutschen Wohnzimmern stehen mittlerweile reihenweise 4k-fähige Fernseher.

Schweiz & Sky mit UHD

Die Schweizer haben es besser: Der Pay-TV-Anbieter Swisscom überträgt aus dem offiziellen Videofeed der FIFA. Swisscom-Kunden können hingegen über die SRG-Sender (SRF, RTS und RSI) sogar ein farblich besonders brillantes HDR-Bild genießen. Dazu benötigen sie neben einem Ultra-HD- und HDR-fähigen Fernseher die neue Swisscom TV Box sowie ein Swisscom-Abo. Neben besonders lebhaften Farben soll das extrem farbenprächtige HDR-Bild auch eine bessere Tiefenwirkung besitzen und das Geschehen auf dem Platz realistischer abbilden.   

Im Sendezentrum Sky Sport dürften auch zur Fußball-WM alle Drähte glühen.

Sky-Kunden dürfen sich ebenfalls freuen: Der Pay-TV-Sender überträgt immerhin 25 der 64 Partien in Ultra-HD, darunter das Eröffnungsspiel, alle Begegnungen der deutschen Nationalmannschaft und weitere ausgewählte Topspiele des Tages. Zu Letzteren zählen auch vier Achtel-finals, zwei Viertelfinals, beide Halbfinale, das Spiel um Platz drei sowie das Endspiel. „Das Angebot auf Sky Sport UHD steht allen Sky-Kunden in Deutschland zur Verfügung, die den Sky+ Pro-Receiver nutzen und die technischen UHD-Empfangsvoraussetzungen erfüllen“, schreibt das Unternehmen. Von HDR ist in der Ankündigung allerdings keine Rede. 

Bleibt zu hoffen, dass wenigstens die WM 2022 in Katar auch bei ARD und ZDF in Ultra-HD zu sehen ist. Wegen der immensen Hitze im Wüstenstaat sollen die Matches erstmals im Winter ausgetragen werden – ein Novum in der WM-Geschichte. Auf welchen Fernsehgeräten wir die Fußball-WM 2022 mit Glühwein in der Hand und Pudelmütze auf dem Kopf bejubeln werden, steht noch in den Sternen. Vielleicht werden einige Geräte sogar bereits 8k beherrschen. Bereits  die Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio will das japanische Fernsehen in 8k ausstrahlen. Und vergessen wir nicht: Deutschland hat sich für die Fußball-Europameisterschaft 2024 als Ausrichter beworben. Hier fällt die Entscheidung über die Vergabe am 24. September 2018. Vielleicht gibt es in sechs Jahren ein weiteres deutsches Sommermärchen. Olé, olé!   

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