Marantz AV8805 / MM8077 (Test)

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Das Display der orange beleuchteten Fernbedienung zeigt an, ob man mit ihr gerade den Hauptraum (Main) oder die Nebenräume (Zone 2/3) bedient.

Marantz gönnt seiner hochwertigsten Heimkino-Vorstufe ein Update:
Die neue AV8805 decodiert erstmals bis zu 15 Tonkanäle – und Auro 3D gibt es kostenlos dazu. Im Gespann mit der bewährten 7-Kanal-Endstufe MM8077 hat die Kombi unsere Referenzklasse im Visier.

Knapp zwei Jahre sind seit unserem Test der Vorstufe AV8802A ins Land gezogen. Die Zeit nutzte Marantz, um fleißig an der technologischen Weiterentwicklung des Flaggschiffs zu arbeiten. So kann die neue AV8805 – Nummer 03 und 04 gibt es nicht – mit innovativen Features punkten, und das ohne Aufpreis: 4.000 Euro steht noch immer auf dem Preisschild.

Das Highlight ist zweifelsohne die neue 15-Kanal-Verarbeitung für 3D-Sound. Derzeit bietet nur Denon mit dem AV-Verstärker AVC-8500H (Test in Ausgabe 3-2018) ein 13.2-Processing – praktisch unbezahlbare Exoten wie Trinnovs „Altitude“-Prozessoren mal ausgenommen. Neben Dolby Atmos und DTS:X ist auch Auro 3D mit an Bord, das seit dieser Generation erstmals kostenlos via Firmware-Update seit Juni erhältlich ist. Zudem fand der DTS Virtual:X-Decoder Einzug. Optimiert wurde ferner die Stromversorgung sowie die DSP- und Vorverstärker-Sektionen. Videoseitig unterstützt die Vorstufe neben HDR10 jetzt auch Dolby Vision und HLG. Ein künftiges Firmware-Upgrade soll die verbesserte „eARC“-Funktion integrieren. Verzichten muss der AV8805 auf analoges Radio via FM/AM, das Tuner-Modul der AV8802A fiel dem Sparschwein zum Opfer.   

Die Neuerungen im Detail

Waren bisher 13 Kanäle das Maximum bei Marantz, setzt die AV8805 noch zwei drauf. Dolby-Sound strömt somit in 7.1.6- oder 9.1.4-Konfiguration aus den Boxen. Noch größer ist der Sprung bei Auro, denn die bisherigen 10.1-Kanäle wurden gleich auf 13.1 erweitert. Zu einem Height-Center gesellen sich nun die beiden Back-Surround-Boxen der 2D-Sound-Ebene. Das Schlusslicht bildet DTS:X, die Decoder-Architektur kann derzeit nur maximal 7.1.4-Kanäle verarbeiten.

Insgesamt lassen sich an die AV8805 gleich 17 Lautsprecher verkabeln, denn nicht jeder Decoder arbeitet mit jeder Lautsprecher-Konfiguration zusammen. So erlaubt das Boxen-Setup auch eine 6.1.8-Konfiguration, also mit 8 angeschlossenen Höhen-boxen, von denen ja nach verwendetem Decoder mal 4 oder 6 aktiv sind. 

Mit ihrer 15-Kanal-Verarbeitung bietet die Marantz-Vorstufe AV8805 eine fast unüberschaubare Anzahl verschiedener Boxen-Kombinationen für 3D-Sound mit Dolby Atmos, DTS:X und Auro-3D. Insgesamt verfügt die Vorstufe über stolze 17 Vorverstärkerausgänge. Welche davon aktiv sind oder stumm bleiben, entscheidet die Boxen-Konfiguration und letztlich der ausgewählte Decoder.

Auro 13.2: Mit VoG, Height-Center und Back-Rears liefert dieses Layout die maximale Auro-Konfiguration.

9.2.6: Das Standard-Layout 7.2.4 kann um 2 Front-Wide- und 2 Height-Surround-Boxen erweitert werden.

5.2.8: Auch 8 Höhenboxen kann man einstellen, es laufen je nach Decoder aber nur maximal 6 zeitgleich.

Bis zu 6 Aufsatzboxen sind möglich, sie werden jetzt auch von Auro unterstützt.

7.2.6: Dolby nutzt alle 13.2 Boxen. DTS:X nur 11.2-Kanäle, die Top-Middle-Speaker bleiben stumm.

6 Richtige: Während Dolby und DTS mit allen 6 Deckenboxen klarkommen, streikt hier Auro.

Feinste Bauteile

Optisch blieb hingegen alles beim Alten: Sauber verarbeitet und elegant wirkt das schwarze Marantz-Design mit separatem Bullaugen-Display über der Hauptanzeige, die unter einer Klappe steckt. Die Frontplatte des AV8805 besteht aus Aluminium, während die matt-schwarzen Wangen aus Kunststoff sind – was bei einer immerhin 4.000 Euro teuren High-End-Vorstufe nicht optimal ist. Auch bei der Materialanmutung bzw. der Verarbeitung des Lautstärke- und Quellenrads ist noch Luft nach oben.

Der Rest des Gehäuses ist hingegen erstklassig: Wie schon beim Vorgänger wurde das Chassis mit Kupfer beschichtet, was zu einer besseren Abschirmung gegen elektromagnetische Störeinflüsse beiträgt. Der große Ringkern-Trafo soll durch Verwendung sauerstofffreier Wicklungen (OFC) und einen Alu-Sockel eine höhere Effizienz bei geringerer Streuneigung aufweisen.

Der Deckel der AV8805-Vorstufe besteht aus drei Teilen. Das robuste Gehäuse wurde zur besseren Abschirmung mit Kupfer veredelt.

Auf Digitalseite minimieren weiterhin Wandler von Asahi Kasei (AK4490, 32-Bit-DACs) das Rauschen, am analogen Ende der Signalkette sitzt jeder der 15 verbesserten HDAM-Vorverstärker im aufwändigen Monoblock-Schaltungsdesign auf einer eigenen Leiterplatte. Dieser Aufbau soll für eine bessere Impulswiedergabe, geringeres Rauschen sowie weniger Verzerrungen sorgen und somit einem reineren Klang dienen.

Ausstattung und Praxis

Im Meer der Anschlüsse auf der Vorstufen-Rückseite hat sich kaum was getan: Hinzugekommen sind 4 Pre-outs, die nun 17 Buchsen im XLR-Format und 21 im Cinch-Format umfassen. Ob man die Endstufe via Cinch- oder XLR verkabelt, spielt klanglich normalerweise keine Rolle. Grundsätzlich ist XLR aber robuster und durch die symmetrische Übertragung unempfindlicher gegen Einstreuungen. 4 Cinch-Ausgänge dienen für die passive Beschallung von zwei Nebenräumen. Eine erfreuliche Seltenheit ist der analoge 7.1-Cinch-Eingang, an den sich etwa ein alter SACD-Player anstöpseln lässt. Auch den symmetrischen XLR-Stereo-Eingang sieht man nicht besonders oft. 4 digitale S/PDIF-Eingänge sollten für die allermeisten Heimkinos ausreichen.

Keine Kontaktprobleme: Die Vorstufe (oben) und die Endstufe lassen mit ihren unzähligen vergoldeten Anschlüssen keine Wünsche offen. Die Verkabelung zwischen den beiden Komponenten erfolgt entweder über die Cinch-Buchsen oder via XLR; klanglich sollten im Normalfall keine Unterschiede hörbar sein.

Als Einmess-Automatik setzt Marantz nach wie vor auf das MultEQ XT32, das größte System von Audyssey. Es unterstützt bis zu 8 Messpunkte, misst zwei Subwoofer separat ein und offeriert mit „Dynamic Volume“ (Dynamikreduktion) und „Dynamic EQ“ (Loudness) wirksame Klangfilter. Die optionale „Audyssey MultEQ-App“ (für 20 Euro) erlaubt die Nachbearbeitung der Einmess-Ergebnisse nach persönlichen Wünschen, etwa durch Ziehen eigener Referenzkurven als Basis für die EQ-Filter. Die App ist eine sinnvolle Ergänzung, sollte bei einem so teuren Gerät aber eigentlich nichts kosten.

DAC-Board: Für die Digital-Analog-Wandlung aller Kanäle sorgen 32Bit-DACs von AKM, Typ AK4490.

Als suboptimal erweist sich der Funktionsumfang des Grafik-Equalizers, der nur 9 Regler von recht hohen 63 Hz bis 16 kHz bietet. Auch lassen sich die beiden Subwoofer damit nicht einstellen. Zudem funktioniert der Equalizer nur bei ausgeschaltetem Audyssey. Nichts zu kritisieren haben wir am Boxen-Management, das die Pegel, Distanzen und Crossover-Frequenzen aller Lautsprecher feinfühlig einstellen lässt. Auch das umfangreiche Crossover-Management geriet vorbildlich.

Native 3D-Tonsignale entschlüsselt die AV8805 via Dolby Atmos, DTS:X und Auro 3D. Zu den 3D-Upmixern Dolby Surround und DTS Neural:X, mit denen auch das Cross-Format-Upmixing möglich ist, gesellt sich jetzt auch DTS Virtual:X für künstlichen 3D- bzw. Surround-Sound ohne den Einsatz von Höhen- oder Rear-Boxen. Ein nützliches Feature ist die „Kanalerweiterung“, mit der nativer Auro-Ton auf allen Auro-kompatiblen Lautsprechern wiedergegeben wird – selbst wenn nicht jeder Kanal im Original-Stream enthalten ist. So lässt sich etwa ein 9.1-Signal auf 13.1-Boxen hochmischen. Den Auro-Upmix von systemfremden Tonsignalen (PCM, Dolby, DTS) darf man in Hall (Klein, Mittel, Groß) und Upmix-Stärke (0 bis 16) feintunen. Beide Optionen verstecken sich im „Audio“-Menü unter „Surround Parameter“ und werden nur bei aktiviertem Auro-Decoder sichtbar.

Video und Multimedia

Das HDMI-2.0-Board versteht 4K/60p-Signale inklusive HDCP 2.2, 4:4:4-Farbauflösung sowie die aktuellen HDR-Standards HDR10, HLG und Dolby Vision. Der Upgrade-fähige Aufbau der Vorstufe ermöglicht zudem den Tausch der HDMI-Sektion – praktisch, wenn HDMI 2.1 nächstes Jahr an den Start gehen dürfte. Der Videoprozessor rechnet niedriger aufgelöste Bilder der Digital- und Analog-Eingänge ins 4K-Format hoch und erlaubt mit einem feinfühligen Video-Equalizer unter anderem Korrekturen von Helligkeit, Kontrast und Farbsättigung. Unter den 6 Bildmodi findet man auch 2 nach dem ISF-Standard (Night, Day).

Drahtlos vernetzt die AV8805 via WLAN, AirPlay und Bluetooth zu mobilen Geräten. An Netz-Musikquellen gibt es ein Internet-Radio auf tuneIn-Basis.

Alle weiteren Streaming-Angebote wie Spotify, Deezer, Tidal, Juke, Soundcloud und Amazon Music sind in die kostenlose HEOS-App integriert, die der AV8805 auch umfassende Multiroom-Funktionen entlockt. HEOS sowie ein Amazon-kompatibler Lautsprecher werden auch für den Sprach-Assistenten „Alexa“ benötigt, mit dem sich die Vorstufe in den Grundfunktionen bedienen lässt. Der Media-Player unterstützt via WiFi und Ethernet auch HiRes-Tonformate wie WAV, ALAC, FLAC sowie DSD.

Die Endstufe MM8077

Die Endstufe MM8077 ist die größte im Marantz-Portfolio, seit einigen Jahren auf dem Markt und lief uns schon bei so manchem Test über den Weg. Die Highlights des 7-Kanal-Boliden liegen im effizienten und leistungsfähigen Hochstrom-Ringkern-Trafo und zwei 50.000 Mikrofarad starken Elkos aus eigener Produktion. Für eine effektive Wärme-abfuhr sind die Leistungstransistoren statt auf einem Kühlkörper in einem Kühltunnel montiert: Ein Lüfter auf der linken Seite saugt Frischluft aus dem Gehäuse an, ein weiterer bläst die erwärmte Luft rechts wieder hinaus. Das Tunnel-Prinzip funktioniert so gut, dass die Ventilatoren nur selten und kurz anspringen; im Test war die Endstufe nicht hörbar. Der Wermutstropfen: Für 13.2-Sound benötigt man zwei Stück der 2.000 Euro teuren Boliden.

Tonqualität Surround

Mit mindestens 130 Watt pro Kanal im Mehrkanalbetrieb sowie einer Gesamtleistung von 1.100 Watt ist die MM8077-Endstufe für alle Fälle gewappnet.  Der dezente Höhenabfall im Frequenzgang ab rund 10 kHz ist die Regel bei Marantz, was auch zum typischen Klang der Geräte beiträgt.

Der Sound-Check in 5.1.2-Konfiguration mit zwei Höhenboxen war eine Freude: Sanft, doch feinauflösend im Charakter floss 5.1-Musik mit viel Geschmeidigkeit und Musikalität in schönsten Klangfarben aus unseren Lautsprechern – auch bei hohen Pegeln schlich sich keine Spur von Härte in den Klang. Klassischer Musik mit großem Orchester gewährte das Marantz-Duo viel Raum und staffelte die akustische Bühne sauber in Tiefe wie Breite.

Die Audyssey-Einmessung lieferte plausible Ergebnisse und drei Klangkurven, von denen uns die „Reference“ mit dezentem Höhenabfall am besten gefiel. Probleme bereitete dagegen Audysseys „Dynamic EQ“-Schaltung, die unseren Nubert Subwoofer AW-1100 zum Übersteuern bzw. Verzerren brachte. Zudem tönte es mit „Dynamic EQ“ vorlaut aus den Surround-Boxen, und Dialoge aus dem Center waren weniger klar verständlich. Wir ließen die Schaltung daher aus.

Weiter ging es mit diversen Dolby-Atmos-Clips: Das umherwirbelnde Blatt in „Leaf“ ließ das Marantz-Gespann äußerst glaubhaft und greifbar tanzen. Die Synthesizer in „Audio-sphere“ machten allerdings deutlich, dass ein 5.1.2-Set-up in Sachen 3D-Sound nicht das Optimum liefern kann. 4 Höhenboxen spielen eben überzeugender über dem Kopf, was im Hörtest Punkte kostet. Action-Streifen wie  „Ghost in the Shell“ (2017) im Atmos-Mix donnerten auf dem Marantz-Gespann trotzdem ziemlich überzeugend, die Räumlichkeit der Effekte war vorbildlich. Das vergleichsweise sanfte Gemüt der Kombi ließ bei Explosionen und Schüssen etwas klirrende Brillanz bzw. Aggressivität vermissen, dafür war auch bei Extrempegeln stressfreies Hören möglich – nur der reine Schalldruck setzt letztendlich das Limit.

Auch im 2-Kanal-Betrieb (Pure Direct Modus) ist die Marantz-Kombi ein Highlight und verzückt mit schönsten Klangfarben, was besonders Instrumentalmusik zugute kommt. Aber auch mit Pop, Rock oder elektronischer Musik ist man bei dem Duo gut aufgehoben, dafür sorgen ein präzise durchhörbarer, plastischer und dynamischer Klang, der zu stundenlangem Hörgenuss einlädt.         

 

Der Testbericht Marantz AV8805 / MM8077 (Gesamtwertung: 93, Preis/UVP: 6000 Euro) ist in audiovision Ausgabe 8-2018 erschienen.

Der entsprechende Testbericht ist in unserem Shop als PDF-Dokument zum Download erhältlich.

AV-Fazit

93 sehr gut

Dank 15-Kanal-Verarbeitung, 4K-Kompatibilität, vielen Multimedia-Features und hochwertigen Bauteilen ist die AV8805 ein echtes High-End-Highlight. In Kombination mit der Endstufe MM8077 zieht die Vor-End-Kombi locker in unsere Referenzklasse.
Andreas Oswald

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