Reportage: Video-on-Demand – Frühstart

vom 09.02.12 | 13:47

Reportage: Video-on-Demand – FrühstartFilme zum Kinostart auch im Wohnzimmer, dieser Traum rückt näher. Aber ob er jemals wahr wird, ist noch offen.

Dieser Club ist so exklusiv, dass er keine Webseite hat, kein Mitgliederverzeichnis und keine Adresse. Es ist nicht einmal sicher, dass der Bel-Air-Circuit wirklich existiert, und so zweifeln die Wikipedia-Macher sogar den Eintrag in ihrem Web-Lexikon an. Immerhin: Drei Händler in Los Angeles geben an, für diesen Club zu arbeiten.

Und jeder Filmfan möchte dazu gehören: Die Mitglieder des Circuit bekommen von allen großen Hollywood-Studios die brandneuen Spielfilme ins Haus geliefert, früher als 35-mm-Kopien, heute auf Festplatten im digitalen DCI-Format der Kinos. Nur Disney spielt nicht mit.

Reportage: Video-on-Demand – Frühstart
Louis B. Mayer, der MGM-Gründer, gilt als einer der Väter des legen­dären Bel-Air-Circuit,
der neue Filme direkt aus dem Studio nach Hause bringt.



Was heute einen Wohnort in der Nähe Hollywoods, sehr viel Geld und gute Kontakte in die Filmbranche voraussetzt, soll bald den weniger vermögenden Massen zugänglich werden. Denn die Studios haben erkannt, dass ihr Geschäftsmodell dringend geändert werden muss, weil es einzigartig ist – einzigartig fehlerhaft.

Denn keine andere Branche leistet sich den Luxus, Summen in Höhe der Produktionskosten für Werbung und Marketing auszugeben, dem größten Teil des Publikums aber den Kauf zu verwehren. Denn wenn ein Blockbuster in die Kinos kommt, schauen alle potenziellen Kunden in die nicht mehr vorhandene Röhre, die aus welchem Grund auch immer einen Film lieber zuhause sehen wollen oder müssen. Das Studio kann dann nur hoffen, dass sich die Zuschauer den Filmtitel merken und geduldig warten, bis sie endlich an der Reihe sind.

Noch kein besseres System

So gern die Hollywood-Bosse das ändern würden, so ratlos sind sie in der Frage, wie sie das anstellen sollen. Zwar schrumpfen die Gewinne aus Filmverkäufen und Vermietung seit einigen Jahren, aber eine Änderung der Vermarktungsreihenfolge lassen die Kinobesitzer nicht zu: Was nicht mindestens vier, besser sechs Monate exklusiv in ihren Häusern zu sehen ist, wird boykottiert.

So ging es sogar Oscar-Gewinner Steven Soderbergh ("Traffic") mit seinem Streifen "Bubble" von 2005. Der kam fast zeitgleich zum Kinostart auf DVD und ins Pay-TV – wobei sich der Kinostart auf die Landmark Theaters des Produzenten Mark Cuban beschränkte. Cuban, nebenbei Besitzer der Dallas Mavericks und damit Chef des deutschen Basketballers Dirk Nowitzki, kritisiert seit langem das starre Verwertungsschema (siehe Kasten unten rechts).

Doch die Studiobosse haben Angst. Nicht nur vor dem US-Verband der Kinobesitzer, sondern auch davor, ein leidlich funktionierendes System zu ruinieren, ohne dass ein besseres etabliert wäre. Doch der Druck wird größer und er kommt über die ständig wachsende Anzahl der Haushalte mit Breitband-Anschluss. Wenn Soderbergh darauf verweist, dass jeder Kinoknüller heute schon beim Start als Raubkopie im Internet zu sehen sei, so fügt er ebenso treffend hinzu: Es gehe jetzt darum, das Geschäft im Web nicht den Filmdieben zu überlassen, sondern selbst zu machen.

Doch die Ungewissheit bleibt: Werden viele Kinos schließen müssen, wenn Filme zum Start schon im Home Theater zu sehen sind? Verliert das Kino mit der Exklusivität seine Faszination? Was sind die Zuschauer bereit zu zahlen, wenn sie den Blockbuster nach Hause holen können?

Ein erster Test läuft seit einigen Monaten in den USA. Premium Video-on-demand (VoD) nennt sich die Kategorie, die bisher für Zuschauer des Zahlsenders DirecTV reserviert ist. Sony, Fox, Universal und Warner brachten jeweils einen Film ein, der 60 Tage nach der Premiere für 30 Dollar für den Abruf angeboten wurde.


Reportage: Video-on-Demand – Frühstart
"Der Schwarzmarkt hat die Exklusivität der Kinovorführung längst beseitigt."
Steven Soderbergh  im Interview mit dem Magazin „Wired“

 







 

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