Reportage: Shanghai Connection – Weltweit einheitliche TV-Norm
TV-Techniker und Entscheidungsträger aus der ganzen Welt gaben im November ein Versprechen ab: Die nächste TV-Norm wird einheitlich. Doch die Liste der Vorhaben ist lang.
Es war ein historisches Datum: Am 11. 11. 2011 um elf Minuten nach elf schleuderte man in Shanghai keine Kamellen ins Volk, sondern saß gesittet vor der Kamera. Denn das Ereignis soll das Fernsehen des Jahrtausends prägen. Beim Gipfeltreffen "Future of Broadcast Television" (FoBTV) kamen TV-Techniker zusammen, um sich auf eine gemeinsame Norm zu verständigen.
Man mag sich fragen, was es da noch zu standardisieren gibt, nachdem weltweit das Fernsehen digitalisiert wurde und die Sender einer nach dem anderen auf HDTV umstellen. Schließlich gibt es da mit 1080i und 720p schon Normen, die überall verwendet werden. Doch den angereisten Experten aus Japan, Europa und Amerika genügte ein Griff in die Tasche, um festzustellen, wie sinnvoll eine solche Regelung sein könnte: Mitgebrachte Geräte für den TV-Empfang funktionieren in China nicht.
Denn vom Dongfang Míngzhuta, wie der markante Sendeturm mitten in Shanghai heißt, wird in der Norm DTMB abgestrahlt, die sich in vielen Details vom US-amerikanischen ATSC, vom europäischen DVB und vom japanischen ISDB unterscheidet. Angesichts von immer mehr mobileren Bildschirmen à la iPad soll auf dem ganzen Globus der TV-Empfang funktionieren.
Doch zuerst einmal musste die Frage beantwortet werden, ob man künftig überhaupt noch Fernsehen in seiner klassischen Form braucht. Schließlich würde sich die IT- und Telekommunikationsbranche gern die Frequenzen einverleiben, die bisher für die TV-Ausstrahlung genutzt werden. Argument: Auch Bewegtbilder lassen sich problemlos über die Internet-Infrastruktur übertragen. Seit es die vierte Generation des Mobilfunks gibt, meistens LTE genannt, gilt das auch für terrestrische Ausstrahlung und mobilen Empfang.
Allerdings sind auch bei LTE und anderen Funkverfahren mehr oder weniger große Unterschiede zwischen den Weltregionen festzustellen. Und auch das Internet muss mittlerweile auf historisch gewachsene Strukturen Rücksicht nehmen, zudem ist es gar nicht auf Echtzeit-Übertragung ausgelegt. Diese Probleme ließen sich zwar lösen, hätten aber zur Folge, dass es Eingriffe in die bisher ungeordnete Datenübertragung geben müsste – was umstritten ist.
Wichtigstes Argument für den Erhalt der traditionellen Rundfunksysteme mit festen Frequenzen und Kanälen ist die Tatsache, dass es nach wie vor ein großes Interesse an Live-Übertragungen gibt. In den USA steigt trotz ausgebauter Breitband-Verkabelung die TV-Einschaltdauer weiter an.
11. November 2011, 11.11 Uhr: Am Fuß des Shanghaier Fernsehturms
kommen die Teilnehmer des FoBTV-Forums zum Gruppenfoto zusammen.
TV und Internet
Live aber funktioniert über klassische Sendekanäle immer noch am
besten. Trotzdem raten die TV-Techniker den Sendern, für die sie
arbeiten, sich auch auf ein reines Internet-Szenario vorzubereiten, so
der europäische Verbund EBU. Denn solche Entscheidungen sind politischer
und ökonomischer Natur und daher nicht immer aus technischer Sicht
logisch.
Die wahrscheinlichste Variante des Nebeneinander von TV und Internet
sieht allerdings anders aus. So sollte der Zuschauer gar nicht mehr
merken, woher die Daten kommen, aus denen sein Fernsehprogramm besteht.
Eine der ersten Anwendungen könnte zum Beispiel personalisierte Werbung
sein: Anstelle der normalen Spots eines Senders könnte der Empfänger
Clips einblenden, die auf den jeweiligen Zuschauer zugeschnitten sind –
etwa Bier anstelle von Kosmetik.
Wie das funktionieren kann, daran arbeiten Forscher zum Beispiel an der
Universität Braunschweig unter Leitung von DVB-Technikchef Ulrich
Reimers. Die Zusatzdaten, etwa für einen neuen Werbespot, werden dann
vorab über Breitbandleitung in den Speicher des Empfängers geladen und
im richtigen Moment aufgerufen. Diese Art von "Dynamic Broadcast" ließe
sich auch für andere Zwecke nutzen, etwa für zusätzliche Sprachkanäle
oder Untertitel. Das Empfangsgerät übernimmt damit Funktionen, die
bisher in der Senderegie zuhause waren.
Selbst 3D-TV in voller Auflösung wird so Realität, ohne Bedarf an
zusätzlicher Bandbreite für die Sender: Die Daten für die zweite
Perspektive kommen dann über die Internet-Leitung, wie es NTT in Japan
bereits demonstriert hat.
Die europäische Sicht steuerte beim Treffen DVB-Bürochef Peter Siebert bei.
Die Abschlusserklärung des FoBTV-Gipfels in Shanghai wurde auf einer
Bambusrolle verewigt, in Chinesisch und Englisch.


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