Reportage: EU-Richtlinien zum Stromverbrauch - Seite 2

vom 01.01.70 | 01:00

Nicht zum Strom-Nulltarif

Bei DVD- und Blu-ray-Playern beziehungsweise Recordern liegt der Fall anders. Für die Wiedergabe von Standard-Auflösung sind bis zu zehn Watt zulässig, bei HD dürfen es 20 Watt sein – oder 15 Watt im Durchschnitt; für die Aufnahme gibt es einen Zuschlag von fünf Watt. Diese Werte sollten bei normalen Playern keine Probleme bereiten.
Schwierig wird es, wenn mehr angeboten werden soll. Spezielle Prozessoren für die Videoskalierung kosten Energie, auch zusätzliche Digital-Analog-Wandler oder andere hochwertige Audio-Bauteile gibt es nicht zum Strom-Nulltarif. Manche Gerätegattungen wären vom Aussterben bedroht, etwa DVD-Receiver, befürchtet Lothar Wiemann, Entwicklungschef bei T+A.
Bei Projektoren ist die Lage erst recht unübersichtlich. Denn noch beherrscht die konventionelle UHP-Lampe das Feld, doch es ist keine Frage, dass Laser und LED diesen Markt drastisch verändern werden. Die aktuellen Werte der wenigen LED-Beamer geben aber noch keine Anhaltspunkte, ob und wie stark sie den Stromverbrauch verringern könnten. Geplant ist von der EU-Arbeitsgruppe die direkte Bindung der Leistungsaufnahme an die Lichtleistung, sprich: Die Hersteller sollen den Strom effizient in Helligkeit umsetzen.

Reportage: EU-Richtlinien zum Stromverbrauch
Ein DVD-Receiver wie der K1AV von T+A wäre nach Befürchtungen des
Herstellers nicht mit den neuen EU-Regeln zum Stromverbrauch vereinbar.

Schwierig ist dabei, dass zumindest bei UHP-Leuchten die erreichbaren Ansi-Lumen keineswegs farbneutral sind, zumindest nicht im Sinne der perfekten Video-Wiedergabe. Will man die genormten Farbräume exakt treffen und alle Graustufen sauber abbilden, muss der Konstrukteur ziemlich viel Licht opfern, da die Lampen zu viel Grün produzieren. Eine Firma also, die den idealen Heimkino-Projektor bauen will, bekommt große Probleme – es sei denn, sie liefert das Gerät serienmäßig mit völlig falscher Einstellung aus. Eine Xenon-Lampe einzusetzen, wie Sony es im Qualia 004 machte, wäre dagegen völlig ausgeschlossen, egal wie gut es aussieht.
Auch wenn derzeit noch Arbeitsgruppen tagen und Experten angehört werden: Dass sich das Angebot an AV-Geräten ändern wird, ist aufgrund der Ener-gierichtlinien nicht zu vermeiden. Für Panik gibt es aber sicherlich keinen Anlass. Denn die EU-Richtlinien beziehen sich auf das Angebot von heute. Doch ein Bedarf an High-End-Produkten wird auch in Zukunft bestehen – und mit Sicherheit (in der ein oder anderen Form) befriedigt werden.
Im besten Fall ist die EU-Kommission einsichtig und richtet eine Kategorie für High-End-Produkte ein, auch wenn die Abgrenzung schwierig ist. Wenn nicht, bleibt das Ausweichen auf den Profisektor. Und wenn dafür zum Beispiel bestimmte Anschlüsse vorgeschrieben sind, dann baut man die halt ein.
Darüber hinaus haben die Hersteller viele Möglichkeiten zu tricksen. So kann man bei einem Projektor das Verhältnis von Lichtleistung und Stromaufnahme durch eine verkehrte Grundeinstellung hinbiegen, es lassen sich hochwertige Bauteile im Auslieferungszustand deaktivieren, verschiedene Funktionen auf mehrere Geräte aufteilen.
Ob die Festlegung von sturen Höchstgrenzen der intelligenteste Weg zum Ziel ist, muss bezweifelt werden. Mechanismen, die Stromfresser bestrafen und Sparer belohnen, könnten mehr Wirkung entfalten, müsste man nicht im gleichen Atemzug über die Definition von Qualität diskutieren.


Interview mit Kurt Hecker, Vorsitzender High End Society
"Wir lehnen das nicht ab"

AV: Sind alle High-End-Produkte jetzt in Gefahr?
Kurt Hecker: Das würde ich nicht dramatisieren. Wir lehnen die Anstrengungen der EU nicht ab, denn sie sind notwendig. Wenn alle Maßnahmen wie geplant umgesetzt würden, bedeutet das ja nur, dass die Elektronik in den privaten Haushalten im Jahr 2020 nicht mehr verbraucht als heute. Sonst würden die Werte dramatisch ansteigen.
AV: Aber kann man verhindern, dass hochwertige Produkte mit Massenware in einen Topf geworfen werden?
Kurt Hecker: Ich denke schon. So gibt es beispielsweise im Rahmen einer derzeit laufenden Studie Überlegungen, für High-end-Player/Recorder spezielle Kriterien festzulegen. Unser Verband wird dazu entsprechende Vorschläge machen.
AV: Lässt sich denn High-End überhaupt definieren?
Kurt Hecker: Über den Preis jedenfalls wird es nicht gehen. Unser Verband wird Definitionen erarbeiten und der Kommission vorschlagen. Wir treffen in Brüssel ja auf vernünftige Leute, die fundierten Argumenten durchaus aufgeschlossen sind.

Reportage: EU-Richtlinien zum Stromverbrauch
Kurt Hecker ist Vorstandsvorsitzender der High End Society, die jährlich
die High End Messe in München veranstaltet;
er vertritt den Verband bei den Anhörungen der EU-Kommission.

 





 

 

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