Reportage: EU-Richtlinien zum Stromverbrauch
Die Europäische Union will Stromfressern an den Kragen. Doch es besteht die Gefahr, dass dabei guter Klang und perfektes Bild auf der Strecke bleiben. Ist das das Ende von High-End im Heimkino?
Menschenwürde steht im Grundgesetz, die Unverletzbarkeit der Wohnung wird ebenfalls garantiert. Doch wenn selbst die Auslegung dieser Begriffe umstritten ist, wie schwierig wird es, wenn man störungsfreien Klang, ein ausgewogenes Surround-Feld oder eine perfekte Gammakurve juristisch wasserfest definieren wollte? Genau das könnte notwendig werden, wenn die Gremien der Europäischen Union Ernst machen mit weiteren Plänen zur Energieeinsparung.
Angefangen hat man schon, zum Beispiel bei Glühbirnen. Die werden nun verboten, weil es Alternativen gibt, die mit wesentlich weniger Strom Licht machen. Aber: Energiesparlampen auf Gas-Basis liefern nicht das gleiche Licht wie ihre Vorgänger, sie brauchen einige Sekunden zum Start und erstrahlen nicht rötlich-warm, sondern grün-ungemütlich. Diese Qualität spielte bei der EU-Entscheidung keine Rolle. Ähnliches droht nun bei Verstärkern, Blu-ray-Playern und Projektoren.
Denn das sind die nächsten Gerätekategorien, die sich die zuständige Ecodesign-Arbeitsgruppe vorgenommen hat. Bereits abgearbeitet hat man sich an Produktgruppen wie Straßenbeleuchtung, Waschmaschinen und Fernsehern, wobei die Experten im TV-Sektor das zweitgrößte Einsparpotenzial vermuten – mit jährlich 43 Tausend Wattstunden (TWh) bis zum Jahr 2020 nur übertroffen von Elektromotoren mit 140 TWh.
Dabei sind die Beschlüsse hier relativ moderat ausgefallen. Ein 40-Zoll-Fernseher darf nach Inkrafttreten der Verordnung im Sommer dieses Jahres noch rund 230 Watt verbrauchen, ein 60-Zöller noch 500 Watt, was sich bis 2012 auf 170 beziehungsweise 360 Watt reduziert. Damit dürfte kein LCD-Hersteller Probleme haben, und auch Plasma kann das mit entsprechendem Feintunig schaffen. Allerdings teilen sich bei den Fernseh-Panels hier nur ein knappes Dutzend Hersteller den Weltmarkt auf.
Zahlreiche Ausgänge wie hier am Denon-Player DVD-A1UD kosten auch
immer viel Strom – möglicherweise zu viel.
Gleiche Regeln für alle
Die jetzt angegangenen Verstärker-Märkte haben aber eine andere Struktur. Auch hier gibt es Massenproduktion, doch ihr gegenüber steht ein kleines Segment von High-End-Geräten. Und da fängt das Problem an, denn es ist unklar, wie man damit umgehen wird:
– Man kann die gleichen Regeln strikt für alle Produkte anwenden, doch das würde unweigerlich das Aus für die anspruchsvollen Lösungen bedeuten.
– Es ließen sich unterschiedliche Kategorien für Massenware und hochwertige Geräte definieren, doch damit läuft man Gefahr, dass der Sinn der Regulierung unterlaufen wird, weil immer mehr Produkte in die obere Klasse wandern könnten.
– Oder es werden Qualitätsmerkmale festgelegt, bei deren Erfüllung mehr Energie verbraucht werden darf; doch wie die aussehen könnten, ist unklar.
Wobei sich in den einzelnen Märkten unterschiedliche Probleme stellen, was zum großen Teil damit zusammenhängt, dass neue Technologien vor dem Durchbruch stehen oder ihn schon geschafft haben.
So konkurrieren bei Audioverstärkern zwei Verfahren, nämlich die analogen Endstufen mit ihren digitalen Gegenstücken, also in der Regel Class B gegen Class D. In diesem Segment wurde die Massenware schon durchgängig digitalisiert; denn meist ist digital schlicht billiger. Aber nicht zwingend besser, im Gegenteil.
Digitalverstärker sind sehr viel kritischer, wenn es um Störungsfreiheit und Linearität geht. Damit sie wirklich gut klingen, ist ein Aufwand nötig, der den Kostenvorteil mindestens wieder wettmacht. Und wirkliche High-End-Musikliebhaber werden sich sowieso nicht damit abfinden wollen, dass ihnen per Gesetz die gute alte Analogtechnik verboten wird – wobei man unter Energie-Gesichtspunkten gar nicht über leistungshungrige Röhren-Endstufen diskutieren muss. Sie würden dann definitiv vom Markt verschwinden. Entschieden ist hier noch nichts, es werden derzeit Daten erfasst über Benutzerverhalten, Geräteangebot und mehr. Es kursierte allerdings eine Horrorzahl: 20 Watt sollten angeblich für Verstärker jeder Art reichen. Doch das ist erst mal hinfällig.
Denn erfreulicherweise hat die EU-Arbeitsgruppe beschlossen, einen eigenen Bereich für Audio zu schaffen. Damit werden Endstufen, AV-Receiver und Home-Cinema-Systeme nicht unter Sound & Imaging gefasst, sondern separat. Was heißt, dass ein neues Verfahren beginnt, dessen Ergebnis frühestens 2014 in Kraft treten kann.
Eine Xenon-Lampe, wie von Sony-Ingenieuren im Qualia 004 verbaut, liefert zu wenig Licht bei zu
hoher Stromaufnahme.


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