Film-Download mit BD-Playern: Hochzeit mit Hindernissen

vom 23.01.09 | 16:41

Spielfilme aus dem Internet sind bisher nicht der Mega-Erfolg. Ausgerechnet der Blu-ray-Standard könnte das ändern.

Analysten sind Leute, die gut dafür bezahlt werden, aus den Trends von heute die Zukunft zu erkennen. Warren Lieberfarb hat seine speziellen Erfahrungen gemacht, als er noch Boss von Warner Home Video war und sein Geld mit VHS-Kassetten verdiente: "Da hat man mir gesagt, dass wir künftig überflüssig würden, weil es ohnehin bald alle Spielfilme online gibt", berichtet er - und erfand deshalb die DVD, zusammen mit Toshiba.

Ähnliches haben die Manager und Techniker gehört, die in den letzten zehn Jahren an der Blu-ray-Disc und der HD-DVD gearbeitet haben. Video on demand (VOD), Spielfilmen auf Abruf über das Internet, gehöre die Zukunft. Tatsache ist, dass Blu-ray nicht einmal ein Jahr brauchte, um die Nutzung von Video on demand zu übertreffen. Immerhin gibt es bereits seit 2002 VOD-Angebote in Deutschland, von Arcor, T-Online, Maxdome und anderen.

Doch selbst heute noch sagen Analysten, dass die Blu-ray-Disc keine Chance habe, weil VOD sich durchsetzen werde. Was jedoch keiner geahnt hat: Es könnte ausgerechnet diese Blu-ray-Scheibe sein, die den Spielfilmen aus dem Internet den Weg ebnet. Denn die angeblichen Gegner sind gerade dabei, sich mit rasanter Geschwindigkeit zu verbünden.


Der japanische Dienst Tsutaya-TV will schon bald knapp 200 Filme
anbieten, die man auf Blu-ray-Disc speichern darf.


Das hat einen einfachen Grund: BD-Live. Dieser Standard für interaktive Anwendungen auf Blu-ray bringt nämlich alles mit, was man für Internet-Movies braucht. So zum Beispiel eine Netzwerkbuchse mit Zugriff auf beliebige Server, die Decoder für alle wichtigen Video- und Audionormen, leistungsfähige Prozessoren, 1 Gigabyte Speicher im Gerät sowie den Platz an der Sonnenseite, sprich direkt neben TV-Schirm oder Großbildsystem. Video on demand endete nämlich meistens auf dem PC, und da macht es auf Dauer wenig Spaß.

Drei preschen vor

Schon drei Firmen haben in den letzten Monaten die Verbindung von Blu-ray und Spielfilmen aus dem Internet hergestellt:

  • LG stattet seinen Player BD300 in den USA mit der Möglichkeit aus, Filme von Netflix herunterzuladen.
  • Samsung erlaubt den Zugriff auf Netflix inzwischen auch bei seinem Modell BD-P2500, wobei beim BD-P2550 noch das Internetradio Pandora dazu­-kommt.
  • Panasonic ermöglicht mit seinen nur in Japan verkauften Blu-ray-Recordern DMR-BD730, 830 und 930 den Abruf des Spielfilm-Angebots von Tsutaya-TV, bei dem man sogar einen Teil der Streifen auf Disc speichern kann.

Bei allen Herstellern bedarf es für die neuen Fähigkeiten nur eines Firmware-Updates, das online zugespielt werden kann. Doch das neue Traumpaar Blu-ray und Internet-Video steht vor einer Hochzeit mit Hindernissen.
Das beginnt schon damit, wie der Spielfilm-Download über Netflix abläuft. Dafür müssen die Blu-ray-Player aus Korea nämlich neu gebootet werden, da der Dienst nur für Windows-Betriebssysteme und Windows-DRM (Rechtemanagement, Kopierschutz) zugänglich ist. Also starten BD300 und BD-P2500 neu, bevor sie Zugriff auf Netflix haben. Das ist fast so, als würde man eine andere Box einschalten.
Diese Lösung hat wenig technischen Charme, aber sie ist für Netflix die einfachste. Denn auf diese Weise kann der Anbieter seine bisherige Infrastruktur weiterhin nutzen.


Das Video­angebot vom US-Dienst Netflix kann direkt über den LG-Player BD300 (unten) abge­rufen werden.


Panasonic baut dagegen auf der Plattform AcTVila auf, die japanische Hersteller gemeinsam mit OpenTV ins Leben gerufen haben. Sie ist für interaktive Anwendungen bei TV-Empfang gedacht und basiert auf der Programmiersprache Java - wie die Interaktivität des gesamten Blu-ray-Systems.


Über die Internet-Plattform AcTVila kommen in Japan sogar Spielfilme zum
Selberbrennen auf Geräte wie den Blu-ray-Recorder DMR-BW930 von Panasonic.


Impulse aus Hamburg

Auf Java setzt auch die Hamburger Firma Sofatronic, deren Programm Kalei­doscope als international führende Authoring-Software für anspruchsvolle Blu-ray-Discs gilt (siehe "Iron Man"-Reportage in audio­vision 10-2008). "Wir stellen auf der CES eine Komplettlösung vor", sagt Sofatronic-Gründer René Baisch, "wie mit BD-Live der Video-Download möglich wird." Dazu gehört auch ein Abrechnungssystem, denn Hollywood hat nichts zu verschenken.
Ein weiteres Problemfeld ist der Kopierschutz. Blu-ray setzt bekanntlich AACS ein, dafür gibt es aber noch keine Freigabe in Internet-Anwendungen. Panasonic setzt daher auf ein System namens Marlin, das den Austausch zwischen den diversen DRM-Plattformen erlaubt. Aus DTCP für IP-Übertragung wird dann AACS, wenn es auf der Disc gespeichert ist. Doch Details werden noch mit den Studios verhandelt. Erste Dienste auf Java-Basis werden daher ohne Kopier­schutz arbeiten.
Und schließlich müssen die Internet-Anbieter ihre Filme neu codieren. Denn das bisher für Streaming eingesetzte Verfahren auf Windows-Media-Basis passt nicht für BD-Live. Abhilfe kommt wieder aus der Hanse­stadt: "Wir haben zusammen mit Main Concept eine Lösung für die Codierung in H.264 entwickelt", sagt ­Lothar Kerestedjian von Enteractive. Video on demand soll noch im Frühjahr starten - ein BD-Live-Player und die passende Disc genügen. (lö)

Zusatzinfo: HD-Qualität im Internet
Anders als TV-Programme werden Spielfilme fürs Internet nicht live codiert, sondern vorher komprimiert. Im Gegensatz zu DVD oder Blu-ray-Disc ist die Datenreduktion aber kaum variabel, zumindest bei den Angeboten, die über BD-Player möglich sind. Denn weder die Netflix-Lösung noch künftige Ansätze auf Basis von BD-Live können darauf vertrauen, dass auf der Empfängerseite im Wohnzimmer größere Mengen Speicher vorhanden sind. Also muss die Datenrate unterhalb dessen bleiben, was die Internet-Verbindung hergibt – sonst gerät das Filmvergnügen ins Stocken.
Aus diesem Grund setzt man einen Bandbreiten-Check ein, der bei Aufnahme der Verbindung die Geschwindigkeit prüft. Dementsprechend wählt der Server die Bildqualität aus. Bei Netflix in den USA beginnt man bei gerade mal 375 KBit/s, die höchste Stufe bei Standard-Auflösung ist 1,5 Mbit/s, wenn die neueste Encodergeneration mit VC-1 verwendet wird. Was dort als HD bezeichnet wird, kommt generell mit 1.280 x 720 Pixeln über die Leitung, natürlich wie alle Filme mit 24 Bildern pro Sekunde. Nach ersten Versuchen mit höheren Bitraten geht Netflix jetzt auf zwei Stufen, nämlich 2,6 und 3,8 MBit/s. Das bedeutet, dass hier die Kompression um den Faktor zwei bis drei höher ist als bei 720p-Sendern in Europa, die mit zehn bis zwölf MBit/s arbeiten.
Mit Blu-ray vergleichbare Bildqualität lässt sich so nicht erreichen. Dafür bräuchte man auf jeden Fall die Zwischenspeicherung im Wohnzimmer, etwa auf Festplatte oder auf Blu-ray Disc, dazu Breitbandverbindungen mit 16 oder besser 25 Mbit/s, damit der Download in vernünftiger Zeit abgeschlossen werden kann.




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Kommentar #1 vom 26.03.2010, 21:26
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