Prospekte richtig lesen

Es gibt Lügen, gottverdammte Lügen und Prospekte. Doch in allem steckt ein Körnchen Wahrheit. Man muss es nur zu finden wissen.

Was die Wahrheit ist, versuchten schon Hundertschaften von Philosophen zu klären – mit wechselndem Erfolg. Und welche Eigenschaften ein Gerät wirklich hat, darüber lässt sich trefflich streiten. Es ist ja nicht so, dass die Angaben in Datenblättern, Prospekten und auf Schildern am Regal schlicht und einfach falsch wären.
Aber: Was die Prospektangaben wirklich aussagen, das ist doch mehr als zweifelhaft. Man kann es einem Hersteller nicht vorwerfen, dass er für technische Daten ein Messverfahren heranzieht, bei dem sein Produkt besonders gut abschneidet.
Was man aber erwarten darf, ist, dass offengelegt wird, wie die Daten zustande kommen. Ganz im Sinne des großen Philosophen Karl Popper: Zur Wahrheit gehört die Angabe, wann eine Aussage nicht mehr zutrifft.
audiovision hat eine ganze Reihe von Merkmalen zusammengestellt, die in Prospekten gern hervorgehoben werden. Viele Werte sind in der Tat unproblematisch, sei es die Abmessung, sei es die Pixelzahl. Mit anderen Angaben lässt sich dagegen kräftig Schindluder treiben. Damit man nicht auf völlig praxisfremde Zahlenspiele hereinfällt, hier die besonders kritischen Kategorien. Sie betreffen vor allem Bildschirme.


Mehr Helligkeit, mehr Kontrast, mehr Pixel – den nehmen wir!
So schnell hat man einen Fehler gemacht.

1. Helligkeit von LCD-Schirmen

Die Lichtleistung ist für einen Bildschirm das, was die PS für ein Auto sind – die Grundvoraussetzung. Aber man muss auch etwas aus der Leistung machen. Gemessen wird die Lichtleistung in Candela pro Quadratmeter (cd/m2); gelegentlich findet man auch die Bezeichnung Nits, was die US-Entsprechung für cd/m2 ist. Wie das Maß erkennen lässt, bezieht sich dieser Wert auf die Fläche. Sie ist damit vergleichbar über alle Bildschirmgrößen; ein 32-Zöller liefert also genauso viel Licht wie der gleichgroße Ausschnitt eines 50-Zöllers, wenn der cd/m2-Wert derselbe ist. Aber natürlich ist die gesamte Lichtmenge des größeren Schirms wesentlich höher.
Das Problem mit diesem Wert beginnt bei der Messung. Man kann zum Beispiel die höchste Zahl angeben, die sich auf einem Bildschirm messen lässt. Oder man könnte verlangen, dass an mehreren Stellen gemessen und daraus ein Mittelwert genommen wird. Es ist nicht klar, ob der ganze Schirm hell sein muss oder nur ein Teil, genauso wenig ist festgelegt, bei welcher Farbtemperatur der Wert zu ermitteln ist.
Bei LCDs sind die Möglichkeiten der Beeinflussung begrenzt – und eher unnötig, denn solche Fernseher haben in der Regel keine Probleme mit zu wenig Licht. Seltsamerweise geben sich die Hersteller hier recht bescheiden und melden selten mehr als 500 cd/m2. Diese Angaben lassen sich im Test oft nachvollziehen, mit kleinen Abstrichen. Denn natürlich gibt ein Anbieter die maximale Leistung an, während der relevante Wert bei Kino-Einstellung zu messen wäre. Denn mit zuviel Grün, wie es die Hintergrundbeleuchtung gern produziert, steigt zwar die Lichtmenge, doch die Bildqualität sinkt.
Aufgrund seiner Funktionsweise als Lichtventil ist der Wert bei LCDs recht konstant: Egal, ob man Weiß über die ganze Fläche, an einzelnen weißen Stellen oder anders misst, die Lichtmenge bleibt weitgehend gleich, denn sie wird von der Hintergrundbeleuchtung bestimmt. Zukünftig mag sich das anders darstellen, wenn mit Leuchtdioden statt Röhren zonenweise hinterleuchtet wird. Dann besteht die Möglichkeit, einzelnen Stellen besonders viel Licht zuzuteilen, ohne dass das Netzteil insgesamt überfordert ist.
Generell muss man sagen, dass der Helligkeitswert bei LCDs selten relevant ist; man darf ihn ruhig unbeachtet lassen, da diese Bauweise immer genug Licht liefert. Interessanter wäre, ob sich die Hintergrundbeleuchtung regeln lässt, so dass in dunkler Umgebung das Restlicht (und der Stromverbrauch) verringert werden kann; darüber schweigen sich die Prospekte leider oft aus.


Bei LCDs bestimmt die Hintergrundbeleuchtung wesentliche
Eigenschaften, etwa die Farbtemperatur der maximalen
Lichtmenge (Foto: zerlegter LCD-Bildschirm).

2. Helligkeit bei Plasma-Schirmen

Plasma-Schirme werden wie alle anderen Fernseher gemessen, ausgedrückt in cd/m2. Die Werte lassen sich direkt vergleichen, wie man auch an den AV-Tests sieht. Es fällt aber auf, dass es hier drastische Differenzen zwischen Werksangaben und Testergebnissen gibt.
Wenn es denn überhaupt Werksangaben gibt: Panasonic und Pioneer spezifizieren den cd/m2-Wert bei ihren Plasmas gar nicht mehr. LG dagegen reklamiert mittlerweile sogar 1.500 cd/m2, während sonst meistens von rund 1.000 cd/m2 die Rede ist. Das hat allerdings nichts mit den im AV-Labor ermittelten Werten zu tun. Im Test kommen Plasmaschirme selten auf mehr als 200 cd/m2 in der Spitze, das mittlere Weiß liegt meistens unter 100 cd/m2. Also alles gelogen?
Nein, denn bei Plasma gibt es spezielle Möglichkeiten, die Helligkeit in die Höhe zu treiben. Diese Technologie ist nämlich in der Lage, die Energie auf kleine Bereiche der gesamten Bildfläche zu konzentrieren, ähnlich wie das bei Röhren der Fall ist.  Das liegt daran, dass die Leistung im Wesentlichen durch das Netzteil begrenzt ist; würde man mehr in die Zellen pumpen, leuchteten sie noch heller – aber der Stromverbrauch und die Hitzeentwicklung gingen drastisch in die Höhe, die Lebensdauer dagegen schrumpfte im gleichen Maß.
Die Werte in puncto Helligkeit kann man also recht einfach auf die Spitze treiben, indem man das Weißfeld immer weiter verkleinert. Der Extremfall wäre eine Messung auf der Fläche von einem Prozent, das sind bei einem WXGA-Panel rund 32 mal 32 Pixel. Dann kann man durchaus 1.000 cd/m2 messen. Im AV-Labor wird die mittlere Helligkeit bei kompletter Weißfläche gemessen, gemittelt über den gesamten Bildschirm. Die maximale Helligkeit dagegen steht für die Lichtleistung bei einer Weißfläche von 20 Prozent der Bildschirmgröße, 80 Prozent sind also schwarz. Diese Charakteristik ist kein Nachteil: Plasma-Bilder wirken nicht zuletzt deswegen so dynamisch und plastisch, weil sie genau diese Eigenschaft haben – helle Partien in dunkler Umgebung besonders hervorzuheben. Das ist etwas, was sonst nur Röhren können.
Wie bei LCD ist natürlich der Hersteller-Wert nicht farboptimiert, anders als die Messungen in AV-Tests. Die Plasma-Technik hat freilich keine so gravierenden Verschiebungen in eine Richtung, wie das bei LCD durch die Backlight-Röhren der Fall ist.
Festzuhalten ist, dass ein Plasma-Fernseher, der mit 1.500 cd/m2 spezifiziert ist, keineswegs dreimal so hell ist wie ein LCD mit 500. Es ist eher zu erwarten, dass er bei kompletter Weißfläche nur halb soviel Licht liefert, also wie die meisten anderen Plasmas weniger gut für helle Räume geeignet ist. Weil man bei dieser Art von Bildschirm so ziemlich alles messen kann, ist die Konsequenz sinnvoll, diesen Wert ganz wegzulassen. Für die Kaufentscheidung helfen sie jedenfalls nicht weiter.


Plasmaschirme, hier präsentiert von Samsungs Vertriebsleiter Hans
Wienands und SPD-Chef Kurt Beck, können ihre Leistung
auf bestimmte Ausschnitte konzentrieren.

3. Helligkeit bei Projektoren

Bei Projektoren arbeitet man mit Lumen als Maßeinheit, also dem Lichtstrom, der vorne aus dem Objektiv herauskommt. Wie hell dann das Bild ist, hängt von weiteren Faktoren ab: der Bildgröße und den Reflexionseigenschaften (Gain-Faktor) der Bildwand. In der Regel nimmt man den Ansi-Wert, also eine Messung an neun verschiedenen Punkten einer komplett weiß ausgeleuchteten Fläche.
Anders als bei normalen TV-Geräten ist die Helligkeit bei Projektoren ein sehr wichtiger Faktor, zumindest unter gewissen Umständen. Zwei Meter Bild in einem stockdunklen Raum auf weißer Leinwand, das projiziert inzwischen praktisch jedes Modell im breiten Home-Cinema-Angebot hell genug. Soll das Bild aber drei Meter groß ausfallen, geht die Helligkeit schon auf die Hälfte zurück – dann wird die Lumenzahl ein kritischer Faktor. Erst recht gilt das, wenn der Projektor auch mal im Halbdunkel betrieben werden soll, etwa im Wohnzimmer; bei einer Fußball-Party im Juni ist etwas Restlicht im Raum sowieso kaum zu vermeiden, wenn niemand über Getränkeflaschen stolpern soll.
Es gehört schon eine Menge Selbstvertrauen dazu, einen Projektor für 8.000 Euro mit nur 600 Ansi-Lumen zu spezifizieren. Aber JVC macht das mit dem Modell DLA-HD100, auch wenn die Konkurrenz 1.000 Lumen und mehr ausweist. Doch das Modell ist so konsequent auf perfektes Kino im Dunkeln optimiert, dass man schon im Inneren alles unerwünschte Licht durch Filter aussortiert. Damit erreicht man sehr reine, tief gesättigte Farben, die mit anderen Geräten nicht machbar sind, weil man dort für höhere Lichtleistung auch Anteile wie Hellgrün und Orange durch die Filter passieren lässt.
Die Messwerte bestätigen die Arbeit von JVC: Im Labor kommt er auf 582 Ansi-Lumen, trifft also ziemlich exakt die Werksangabe. Das kann man von anderen Geräten nicht sagen.
Der Panasonic PT-AE2000 bringt laut Hersteller bis zu 1.500 Ansi-Lumen, optimiert auf beste Kinoqualität landen aber nur knapp über 400 davon auf der Bildwand. Andererseits zeigt das, dass dieser Projektor auch anders kann, eben zum Beispiel beim Fußball-Nachmittag, wo es auf die perfekten Graustufen und exakten Farben gar nicht so ankommt.
Ein Sonderfall bei Projektoren sind Röhren-Beamer. Die versagen in der Ansi-Disziplin kläglich, weil sie ähnlich wie Plasmas die Leistung auf einzelne Punkte konzentrieren können, aber in der Fläche wenig zu bieten haben.


Nur wenige Hersteller haben den Mut, einen Projektor mit weniger als 1.000
Ansi-Lumen anzugeben, so wie JVC das beim DLA-HD100 tut.



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