Fernsehen digital empfangen

Angesichts der Vorteile von Digital-Empfang kann man kaum glauben, dass immer noch die Mehrheit der Zuschauer analoge Programme sieht. Aber digital ist nicht gleich digital – und nicht automatisch besser. audiovision klärt auf.

Man mag es kaum glauben: In den ersten neun Monaten des auslaufenden Jahres gingen 2,92 Millionen digitale Settop-Boxen über die Ladentheken, das sind mehr Recveiver als alle verkauften LCD- und Plasma-Fernseher zusammen. Und das, obwohl doch jeder Bildschirm einen Tuner eingebaut hat.
Aber die Entwicklung ist eindeutig: Das Empfangen von TV-Programmen ist nicht mehr Sache des Fernsehers, sondern einer eigenen Einheit in der Anlage. Das ist eine logische Entwicklung, nicht zuletzt als Folge der Zersplitterung der Übertragungswege. Mittlerweile gelangen Fernsehprogramme auf vier Arten zu den Zuschauern:

  • über terrestrische Sendetürme und Antennen
  • über Kabel
  • über Satellit und Schüsseln
  • über das Internet.

Da von den ersten drei Empfangsarten immer zwei Versionen existieren, nämlich analog und digital, sind das schon sieben unterschiedliche Technologien.
Damit nicht genug: Obwohl alle digitalen TV-Systeme in Europa auf der DVB-Norm (Digital Video Broadcasting) aufbauen, sind noch mehr unterschiedliche Verfahren entstanden – hauptsächlich durch die Verschlüsselung.
Unvergessen ist der Versuch des Medien-Unternehmers Leo Kirch, mithilfe seiner D-Boxen ein Quasi-Monopol in Deutschland aufzubauen. Auch wenn er darüber Insolvenz anmelden musste, ist sein Vorhaben weitgehend Realität geworden: An dem Verschlüsselungsstandard, den er mit Premiere (anfangs DF-1) einführte, kommt heute niemand vorbei. Das musste nicht zuletzt Arena erfahren, als der Fußballsender eine eigene Codierung einführen wollte. In England hatte Rupert Murdoch mehr Erfolg, sein BSkyB ist Pay-TV-Monopolist geworden.


Immer den richtigen Draht nach oben hat die Erdfunkstelle der Telekom
im bayerischen Raisting; die Schüssel sendet die Signale zu Satelliten.

1. Die Vorteile: Bildqualität

Digital-TV verpackt die Videosignale generell in die MPEG-2-Norm, wie sie auch auf DVD verwendet wird. Die einzige Ausnahme derzeit ist HDTV, das in MPEG-4/H.264 codiert werden kann. Fast alle Sender strahlen die Bilder mit 720 x 576 Pixeln aus, was eine fast 50 Prozent höhere Auflösung als bei analogem PAL bedeutet, wo der Farbträger die mögliche Detailschärfe einschränkt. Auch das Farbsignal enthält mehr Bandbreite, rund ein Drittel mehr als bei analoger Übertragung, womit sich fast exakt eine Verdoppelung der  Informationsmenge ergibt. Das allein sollte Grund genug sein, auf Digitalempfang umzusteigen, wenn man mehr als 70 Zentimeter Bildschirm füllen will.
Abgesehen davon ist natürlich nur bei Digitalempfang der Weg zu höherer Auflösung frei, also zu HDTV. Aber auch schon die Möglichkeit, anamorphes 16:9 zu empfangen, bringt einen deutlichen Qualitätssprung auf modernen TVs, schließlich liefern immer mehr Sender dieses Format. Das bringt ein Drittel mehr an Zeilen gegenüber analogen Bildern mit schwarzen Balken.
Zudem fallen bei Digitalempfang etliche Störungen weg, die bei PAL unvermeidlich sind. Gegenseitige Beeinflussung von Helligkeits- und Farbsignal, erkennbar an Farbsäumen oder Moirés, gehört der Vergangenheit an, ebenso das Rauschen. Andererseits hat Digital-TV natürlich seine eigenen Arte­fakte, allen voran Blockrauschen bei zu geringer Datenrate. Und natürlich gilt der Grundsatz: Mist rein, Mist raus – das Bild beim Empfänger kann nicht besser sein als das, was beim Sender beziehungsweise an der Kopfstation eingespeist wird.
Damit die höhere Bildqualität beim Schirm ankommt, sind Ausgänge mit RGB- oder YUV-Übertragung Pflicht.


HDMI gibt es jetzt auch schon bei Standard-Boxen, nicht nur für HDTV
– etwa bei der Technotrend S326HDMI.

2. Die Vorteile: Tonqualität

Praktisch alle wichtigen Sender strahlen inzwischen nicht nur den Standard-MPEG-Ton, sondern auch Dolby Digital aus – zumindest über Satellit und im Kabel. Dabei laufen beide Streams in der Regel parallel, auch dann, wenn nur ein Stereosignal gesendet wird. Bei 5.1-Material bleibt MPEG unverändert, nur Dolby schaltet automatisch auf Mehrkanalton um. Analoges Fernsehen kann maximal Surround liefern, der mit Dolby ProLogic decodierbar ist.
Von der reinen Tonqualität ist auch bei Stereo Dolby meistens vorzuziehen – allein schon deswegen, weil die Encoder in den Studios neueren Datums sind als die MPEG-Encoder, die im ersten Schritt der Digitalisierung angeschafft wurden.
Die Anschlüsse neuerer Settop-Boxen liefern das Tonsignal in der Regel passend für die Home-Cinema-Anlage: über SPDif, egal ob in koaxialer oder optischer Form. Wichtig ist allerdings, dass die Ausgabe des Bitstreams unterstützt wird. Ist eine HDMI-Buchse vorhanden, kann darüber in den meis­ten Fällen der Ton ausgegeben werden, in der Regel ebenfalls als Dolby-Bitstream. Wichtig: Ist der Bildschirm direkt mit dem Empfänger verbunden, muss meistens in der HDMI-Einstellung der Ton deaktiviert werden. Sonst verlangt der Fernseher nämlich nach Stereo, weshalb dann aus der Digitalbuchse nur Stereo kommt.


Über DVB-T wird nicht immer die volle Digital-Qualität gesendet, etwa beim Ton.
Das hängt u.a. von den regionalen Besonderheiten ab, so wie hier bei
der Montage der Sender in Düsseldorf.

3. Die Vorteile: Aufzeichnung

Nicht zu unterschätzen ist die Möglichkeit, digitale TV-Ströme exakt so aufzuzeichnen, wie sie gesendet werden. Das ist bei analoger Ausstrahlung unmöglich, so dass jede Aufnahme mit mehr oder weniger großen Qualitätsverlusten verbunden ist. Steckt dagegen eine Festplatte in der Settop-Box oder im Fernseher mit Digitaltuner, kommt das Signal Bit für Bit so in den Speicher, wie es gesendet wurde. Und ist zu jedem beliebigen Zeitpunkt abrufbar, selbst während die Sendung noch läuft. Das funktioniert auch bei Festplattenreceivern mit analogem Empfangsteil, doch da leidet unter Umständen die Qualität.
Schwierig ist dagegen die dauer­hafte Archivierung. Das direkte Brennen von DVB-Daten auf DVD funktioniert nicht, es sei denn mit viel Aufwand am PC (unter Zuhilfenahme von Ifo-Edit und einigen weiteren Tools). Im Normalfall ist die Überspielung auf Disc immer mit Digital-Analog-Wandlung, erneuter Digitalisierung und nochmaliger Kompression verbunden, und damit natürlich nicht mehr so gut wie vorher.


Immer mehr Digital-Fernseher lassen sich auch mit Festplatte
ausstatten, u.a. die Loewe-Connect-Modelle. 

4. Weitere Vorteile: Interaktivität und Programminfo

Wirklich interaktiv im Sinne direkter Kommunikation zwischen Sender und Empfänger und zurück ist nur ein System: IPTV. Hier gelangen Befehle aus dem Wohnzimmer zum Server des Anbieters und können dort die gewünschten Aktionen auslösen. Das bringt natürlich erst dann wirklich etwas, wenn die Programme dafür ausgelegt sind, was noch etwas dauern wird. Denn die diversen anderen Versuche, Interaktivität im Digital-TV zu etablieren, sind bisher kaum von Erfolg gekrönt. Nicht einmal das hochgelobte und anfangs von fast allen Sendern unterstützte MHP kam zu nennenswertem Erfolg.
Die Adressierbarkeit einzelner Empfänger, die durch Verschlüsselung und Smartcard gegeben ist, wird dagegen von Premiere bereits eingesetzt. Auf dieser Basis funktioniert zum Beispiel die Freischaltung einzelner Sendungen, etwa im Video-on-Demand-Bereich oder über das Premiere-Flex-Angebot.
Eine angenehme Nebenwirkung bei Digital-TV sind die Programmdaten und Zusatzinfos zu vielen Sendungen (Electronic Program Guide, EPG). Sie sind meistens etwas ausführlicher als Videotext, dazu bleiben auch Infos anderer Programme im Speicher und können während der laufenden Sendung abgerufen werden. Dazu muss man allerdings vorher eine gewisse Zeit auf dem Transponder oder Kanal gewesen sein, über den die Programmdaten ausgetauscht werden. Bei Harddisc-Empfängern ergibt sich daraus eine einfache Programmiermöglichkeit für die Aufzeichnung. Bei Settop-Boxen funktioniert darüber die Steuerung eines externen Videorecorders, wenn sich beide Geräte über die Scart-Buchse verständigen können. Allerdings hat Digital-TV kein VPS, so dass Verschiebungen nicht registriert werden.


Das interaktive MHP-System spielt keine Rolle in Deutschland (hier beim Start im Jahr 2002).



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