Korrekter Ton bei allen Pegeln – Seite 2
3. Drei neue Systeme
Gleich drei Systeme haben praktisch gleichzeitig solch alte Zöpfe abgeschnitten, und zwar recht rigoros: Dynamic EQ von Audyssey, THX Loudness Plus (als Bestandteil von THX Ultra2 Plus und THX Select2 Plus) und Dolby Volume. Alle drei nutzen die Möglichkeiten der modernen Digitaltechnik und sind der altehrwürdigen Loudness um Lichtjahre voraus. Sie heben nämlich nicht nur – bezogen auf den Wiedergabe-Pegel – Bässe und Höhen irgendwie an, sondern tun das anhand aktueller Kennfelder, deren Anfänge noch auf das Forscherpaar Fletcher und Munson zurückgeht.
Die beiden Wissenschaftler hatten in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Erste mit Hilfe einer großen Zahl von Versuchspersonen vermessen, wie empfindlich das menschliche Gehör in seinem gesamten Aufnahmebereich, nämlich von 20 Hertz bis 20 Kilohertz und von der Hör- bis zur Schmerzschwelle, wirklich ist. Über die Jahre sind diese so genannten Kurven gleicher Lautstärke (gemeint ist die von Menschen wahrgenommene Lautstärke in Phon, nicht der gemessene Pegel) immer wieder neu vermessen und verfeinert worden. Die aktuelle Ausgabe stammt aus dem Jahre 2003 und ist internationale Norm.
Außerdem ändert sich nach neueren Erkenntnissen nicht nur subjektiv die Klangbalance, sondern ebenfalls die räumliche Wahrnehmung von Schallereignissen. So können die Systeme für jeden am Lautstärkeregler eingestellten Wiedergabepegel die fürs Ohr korrekte Entzerrung und auch – bei Mehrkanal-Signalen – die Kanal-Pegel einstellen. Dies muss sogar dynamisch geschehen, denn die Gehör-Empfindlichkeit ändert sich nicht linear. Zum Beispiel: Ein Musikstück, das mit 110 Dezibel Maximalpegel aufgenommen wurde, enthält auch leise Stellen mit 60 Dezibel Pegel; bei Wiedergabe mit 90 Dezibel Maximalpegel muss bei der lautesten Stelle anders entzerrt werden als bei der mit 40 Dezibel leisesten Partie. Erschwerend kommt hinzu: Die komplette Regelung inklusive Analyse des Musik- oder Filmtons, um herauszubekommen, mit welchem Pegel er die Lautsprecher verlassen wird, muss in Echtzeit erfolgen. Auch dürfen dabei keine hörbaren Artefakte wie zum Beispiel Lautstärke- oder Klangbalance-Schwankungen erzeugt werden. Da ist viel Psychoakustik und noch mehr Forschungsaufwand im Spiel.
4. Gleiche Lautstärke für alle
Dolby Volume geht sogar noch einen Schritt weiter: Die besten Korrektur-Kurven und Algorithmen nutzen nichts, wenn die Voraussetzungen nicht stimmen, die definierten Pegel nämlich. Spielt man dem AV-Receiver ausschließlich Film-DVDs oder Blu-rays über digitale Schnittstellen zu, entsteht kein Problem, denn wie bereits erwähnt werden Film-Soundtracks mit festgelegtem Monitor-Pegel abgemischt. Sobald allerdings analoge Quellen ins Spiel kommen, geht der Ärger wieder los: Auch heute noch setzt jeder Hersteller seine eigenen Vorstellungen um, wie die Ausgangsspannungen und Eingangsempfindlichkeiten seiner Geräte ausfallen soll. Beim Fernsehen wird's dann noch schlimmer, hier folgt auf die ruhige Dokumentation Werbung mit krachender Lautstärke.

Der neue Arcam-Receiver AV600 ist eines der ersten Geräte mit Dolby Volume.
Dolby Volume sorgt mit intelligenten Kompressionsalgorithmen dafür, dass solche Lautstärke-Unterschiede automatisch ausgeglichen werden. Dabei untersucht das System die hereinkommenden Signale nicht nur auf den Gesamtpegel, sondern auf den in vielen übers gesamte hörbare Spektrum verteilten Frequenzbändern. Diese Analyse nutzt es dann, um die Einzel-Pegel so anzupassen, dass die Lautstärken angeglichen werden, der Klangeindruck aber möglichst unverändert bleibt. Die Praxis hat gezeigt, dass das erstaunlich gut funktioniert und unterschiedliche Pegel ohne auffällige Effekte angleicht.

US-Kult mit Dolby Volume: der Receiver AVR-1 von AudioControl.
High-End-Ansprüche kann Dolby Volume zwar nicht erfüllen, das soll es aber auch gar nicht. Als Problemlöser, der im Alltag so manchen Griff zur Fernbedienung erspart und die Klangbalance weitgehend unangetastet lässt, wird man es schätzen lernen. Audyssey hat übrigens mit Dynamic Volume etwas Ähnliches im Programm, hier aber getrennt von Dynamic EQ aktivier- und deaktivierbar, was gerade für hochwertige AV-Receiver und -Prozessoren Sinn macht. Denn während auch High-End-Liebhaber mit geschulten Ohren – möglicherweise nach einer Eingewöhnungszeit – die erheblich verbesserte Klangbalance bei allen Lautstärke-Einstellungen genießen können, werden sie vor den massiveren Eingriffen in die Dynamik des Tonmaterials, die die Pegel-Angleicher durchführen, eher zurückschrecken.

Denon war mit dem AVC-A1 HD Pionier bei Audysseys Dynamic EQ und Dynamic Volume.

Dolby Volume inklusive: der AVR 7550HD von Harman/Kardon.

Als erster Hersteller brachte Yamaha mit dem DSP-Z11 ein Gerät mit THX Loudness Plus auf den Markt.
Dieser Artikel ist in der audiovision 3-2009 erschienen.
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