Heimkino ohne Kabel - Seite 2
3. Digitale Systeme
Die digitale Verbindung kennt kein Rauschen. Denn in der Regel ist sie
als Datenfunk angelegt, wo es darauf ankommt, dass bei einer
komplizierten Tabelle kein Komma verrutscht. Daher haben digitale
Systeme eine sehr umfangreiche Fehlerkorrektur, die jedes einzelne Bit
nachrechnet; ein nicht geringer Teil der Bandbreite wird dafür
verwendet. Zudem hat Digitalfunk stets zwei Richtungen, beide Seiten
sind Sender und Empfänger gleichzeitig. So kann der Empfänger bei
Bedarf fehlerhafte Datenpakete neu anfordern.
Anders als analoge Systeme können digitale Sender gestörten Kanälen aus
dem Weg gehen, und zwar blitzschnell. Sie wechseln die Sendekanäle
regelmäßig und erkennen belegte Frequenzen. Trotzdem kann es bei
allzuviel Daten in der Luft zu Störungen oder Verzögerungen kommen.
Das größte Hindernis für Digitalfunk ist aber das Ergebnis der
gewünschten Präzision: Durch die Fehlerkorrektur und die wechselseitige
Verständigung von Sender und Empfänger entstehen unter Umständen
Verzögerungen. Die sind bei Daten von Excel-Tabellen unproblematisch,
bei Tönen entstehen aber Aussetzer, bewegte Bilder ruckeln oder frieren
ein. Auch abgesehen von Störungen bringen digitale Verfahren eine
gewisse Verzögerung mit sich, verglichen mit Kabelübertragung oder
analoger Abstrahlung.
Um die so genannten Latenz-Zeiten im Rahmen zu halten, hat man für
Audio- und Video-Anwendungen Protokolle eingeführt, die sich von den
sonst verwendeten Netzwerkprotokollen unterscheiden. Genannt Quality of
Service sollen sie sicherstellen, dass die Verzögerung bestimmte
Grenzen nicht überschreitet, so dass die Wiedergabe im richtigen
Augenblick erfolgen kann. Sollten Daten nicht korrekt eingetroffen
sein, werden sie nicht erneut abgefragt, sondern durch eine interne
Korrektur im Empfänger ersetzt.

Bei Bluetooth hat man seit 2007 mit einem
Protokoll die Verzögerung minimiert
(Bild: Stereo-Empfänger von Freetec).
4. Funk zu Surround-Boxen
verbindungen im Home Theater ist der Ersatz von Kabeln zu den
Rear-Lautsprechern. Hier kommt die gesamte Bandbreite der Technologien
zum Einsatz, angefangen von analoger Übertragung über spezielle
WLAN-Protokolle und Bluetooth bis hin zu Infrarot.
Mit allen Lösungen lassen sich vernünftige Ergebnisse erzielen, aber es
kann auch daneben gehen. Denn wenn die Wiedergabe der vorderen
Lautsprecher nicht auf eventuelle Latenzzeiten der Funktechnik
abgestimmt ist, stimmt der räumliche Klangeindruck nicht mehr. Das
trifft vor allem auf Nachrüstsätze zu, während komplette 5.1-Systeme
diese Verzögerung in der Regel berücksichtigen.
Dazu kommt das spezielle Problem, dass man bei einer Funkverbindung
hinten eigene Verstärker für jeden Lautsprecher braucht. Auch das ist
in einer Komplettanlage vernünftig gelöst, so dass Klangfarbe und
Leistung zusammen passen. In eine vorhandene Anlage eine Funkstrecke zu
integrieren geht dagegen in der Regel schief – zumindest wenn man
höhere Ansprüche an die Klangqualität stellt.

Das Teufel Theater LT4 ist ein komplettes System
mit Funk nach hinten; es kostet rund 1.500 Euro.
5. Zusatzgeräte ohne Draht
Zusatzgeräte lassen sich per Funk in die Anlage einbinden, etwa
Drahtlos-Kopfhörer, die anfangs meist analog arbeiteten – und das oft
mit Rauschen quittierten. Seit hier die Digitaltechnologie Einzug
gehalten hat, ist das kein Thema mehr. Eine eventuelle Verzögerung
spielt keine Rolle, und das Zusatzgewicht auf der Kopfhörerseite,
bedingt durch Empfänger und Batterie, fällt bei größeren Modellen kaum
negativ auf.
Eine neue Kategorie sind Bluetooth-Adapter für die AV-Anlage im
Wohnzimmer. Sie gibt es zum Beispiel bei Sony für die neueren
Heimkino-Systeme und transportieren die Stereomusik von
Mobiltelefonen oder anderen tragbaren Geräten zu Verstärkern und
Lautsprechern. Bei Sony gibt es dafür einen speziellen
Digital-Media-Port, der neben der Steuerung auch die Stromversorgung
übernimmt. Andere Lösungen sind Standalone-Empfänger, die sich an einen
Stereo-Eingang anschließen lassen, etwa von Hama oder Freetec. Falls
der tragbare Player kein Bluetooth eingebaut hat, gibt es auch kleine
Dongles, die sich in den Kopfhörerausgang stecken lassen und das Senden
übernehmen.

Von Bluetake kommt ein Paket aus Bluetooth-
Sender und Empfänger, zusammen mit
einem Miniverstärkerfür die hinteren
Lautsprecher.
6. Lösungen für Audio und Video
Die Informationsmenge eines Videosignales ist wesentlich höher als
die von Audio, weshalb es nicht verwundert, dass das Funk-Angebot
spärlich ausfällt. Zwar gibt es hier schon analoge Kistchen, die ein
simples FBAS-Video und Stereoton quer durchs Haus schicken können und
dabei einen großen und störanfälligen Ausschnitt des 2,4-GHz-Bandes
besetzen. Höhere Bildqualität von S-Video aufwärts ist auf diese Weise
allerdings nicht zu erreichen, doch Dolby Digital oder DTS wären
möglich: Wenn man statt des Bildsignals den Mehrkanalton als Bitstream
einspeist, kommt er beim Empfänger korrekt an. Viel Sinn macht das
jedoch nicht.
Die gängige Lösung für die Bildübertragung samt Ton basiert auf
WLAN-Technik in diversen Varianten. Hier ist beste Qualität bis hin zu
HD-Auflösung möglich, auch von einem Raum in den anderen. Zu bedenken
ist dabei stets, dass mit der Entfernung die Bandbreite kräftig in den
Keller geht.
Da WLAN keinerlei Festlegungen bezüglich Standards kennt, kann alles
übertragen werden, solange die Bandbreite ausreicht. In der Regel
sendet man also Daten, die bereits vorhanden sind, etwa auf einem PC
oder auf einer Netzwerk-Festplatte. Für unkomprimierten Ton in Stereo
reicht WLAN inzwischen meist aus, Bild und Mehrkanalton muss dagegen
komprimiert sein, sonst wird die Datenmenge zu hoch.
Doch weder DVD noch Blu-ray erlauben das Abgreifen der komprimierten
Daten – und Pay-TV-Sender wie Premiere ebenfalls nicht. Um auch solche
Medien per Funk nutzen zu können, müsste man also die Bilddaten am
analogen Ausgang digitalisieren, komprimieren und im Empfänger erneut
entschlüsseln. Das würde nicht nur die Bildqualität verschlechtern, es
macht die Kette auch recht langsam und ziemlich teuer. Theoretisch wäre
dieser Weg möglich, in der Praxis wird er nicht beschritten.
Die perfekte Funklösung für Audio und Video gibt es also noch nicht,
sie wird vor allem vom Rechtemanagement der Medien verhindert. Denn die
ausgefeilten und meist hochkomplizierten Kopierschutzsysteme der
Medien arbeiten noch nicht mit der Verschlüsselung der Netzwerke
zusammen.
Relevant ist WLAN vor allem für die neuen Medien, die eine
Internet-Anbindung verlangen – so zum Beispiel die Playstation 3 mit
dem neuen BD-Live-Profil (siehe auch Seite 8). Hier ist auch nicht der
Funk die Engstelle, sondern die Internetverbindung.

Mit einem WLAN-Adapter wie hier von Netgear lassen sich
Verbindungen vom Wohnzimmer zum Internet oder zum
Arbeitszimmer herstellen.
7. Blick in die Zukunft
Für die diversen Problemzonen, in denen heutige Drahtlos-Systeme
noch versagen, zeichnen sich Lösungen ab. So hat zum Beispiel die Firma
Radiient einen Chipsatz vorgestellt, der auf UWB-Basis die Vernetzung
aller Lautsprecher eines 5.1-System erlaubt; die stimmen sich
wechselseitig über die jeweiligen Kanäle ab, versorgen sich mit
fehlenden Daten und synchronisieren die Wiedergabe. Die Roomcaster
genannte Technologie soll Ende 2008 in Serie gehen. Die englische
Boxenfirma B&W hat bereits ein Prototypen-Set vorgestellt, das mit
dieser oder einer verwandten Technologie arbeitet.
Für die Funkverbindung von Videosignalen zu Bildschirm oder Projektor
wurden etliche Ansätze gezeigt, die HDMI drahtlos machen sollen. Dabei
gibt es ein Verfahren, das auf 802.11e aufbaut und die Bilder sanft
komprimiert. Eine andere Technologie nutzt UWB, wo mit einem Chipsatz
von Radiospire sogar unkomprimierte Daten bis hin zu einer Bandbreite
von 1,6 GBit/s möglich werden – das reicht für ein 1080i-Signal, bei
1080p wird es schon knapp. Die am meisten versprechende Technologie
ist aber Wireless-HD, das die Technik der Firma Sibeam nutzt; hier
haben sich alle großen Gerätehersteller zusammengefunden und wollen
2009 mit Produkten auf den Markt kommen. Dank einfacher CMOS-Technik
sollen sie auch nicht allzu viel kosten.
Die Heimvernetzung ohne Draht scheitert dagegen nicht an der Technik.
Auch per Kabel funktioniert das nicht, denn die Kopierschutz- und
DRM-Systeme der verschiedenen Technologien arbeiten nicht zusammen.
Eigentlich sollte AACS das bei Blu-ray ändern, doch der finale Standard
samt der Kopie- und Netzwerk-Regelungen lässt schon seit zwei Jahren
auf sich warten. Man könnte funken, darf aber nicht.

Drahtlos von der Kamera zum Blu-ray-
Player und von dort zum Bildschirm
will Panasonic ab Anfang
2009 funken.
Zusatzinfo: Funk-Tipps – Anwendungen und Grenzen
1. Funk zu den Surround-Lautsprechern ist nur in einer vom Hersteller darauf abgestimmten Anlage sinnvoll.
2. Audio-Peripherie wie Kopfhörer oder tragbare Player lassen sich per Funk in die Anlage einbinden.
3. Analoge Videosender sind nicht zu empfehlen, wenn es um Darstellung auf einem Großbildsystem geht.
4. Die Funkverbindung per WLAN zu PC oder Netzwerk ist häufig besser als das Verlegen von Kabeln quer durch die Wohnung.
5.
Die drahtlose, unkomprimierte Übermittlung von einer HD-Quelle zum
Bildschirm funktioniert noch nicht, doch Wireless-HDMI ist in Arbeit.
6. Eine Funkverbindung per WLAN-Adapter ist die ideale Anbindung eines
Blu-ray- oder HD-DVD-Players an den Router im Haus – für interaktiven
Content.
7. Die perfekte Heimvernetzung ohne Kabel bleibt ein Wunschtraum, etwa
der Zugriff auf alle Medien in allen Räumen; derzeit scheitert dies an
den Kopierschutzverfahren.
Dieser Artikel ist in der audiovision 6-2008 erschienen.
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