Pioneer S-73 Set (Test)

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Während das Set in den USA unter dem „Elite“-Label für besonders hochwertige Pioneer-Produkte vermarktet wird, hört es hier auf den eher nüchternen Namen S-73 und gibt damit seine Wurzeln preis. Denn die 3.300 Euro teure Kombi besteht aus den beiden Standboxen S-FS37A, den zwei Regalboxen S-BS73A, dem Center S-C73A (das A steht jeweils für Atmos) und dem bereits länger erhältlichen Subwoofer S-71W. 

Dass der hierzulande eher für seine Receiver- und Blu-ray-Player bekannte Hersteller als erstes mit einem ausgewachsenen Atmos-Boxenset auf den Markt kommt, verwundert nur auf den ersten Blick.   

Technik von TAD

pioneer-pcLautsprecher sind für Pioneer kein unbekanntes Territorium, gehört zum Konzern doch TAD, ein Schwergewicht der Lautsprecher-Szene, das für seinen virtuosen Einsatz von Koaxial-Chassis mit ihrer CST-Technik bekannt ist. Die Abkürzung steht für Coherent Source Transducer und bedeutet, dass die mittig im Chassis positionierten Hochtöner mit gleichem akustischen Zentrum und entsprechend gleicher Schall-Laufzeit zum Hörplatz abstrahlt wie die ihn umgebende Mitteltöner-Membran.

Auf genau diese Technologie greift Pioneer beim S-73-Lautsprecherset zurück. Zwar kommt für den Hochtöner nicht wie beim TAD teures Beryllium zum Einsatz, sondern eine Textilkalotte, und die Mitteltöner-Membran besteht nicht aus Magnesium, sondern aus dem preiswerteren Aluminium. Aber an der prinzipiellen Arbeitsweise ändert sich wenig. Denn der eigentliche Vorteil dieser Chassis-Bauweise liegt nicht in den verwendeten Materialien, sondern in der Geometrie. Diese sieht zwar auf den ersten Blick – eine Kalotte im Zentrum eines Membrankonus – einfach aus, ist aber ausgefuchst und bedarf zur Perfektion einen hohen Forschungs- und Entwicklungsaufwand.

Klanglicher Kompromiss

Eines der zu lösenden Probleme ist, die Umgebung für die Hochtonkalotte, sprich den Mittelton-Konus, so zu gestalten, dass sie die Abstrahlung hoher Frequenzen nicht behindert, sondern im Gegenteil das Hochton-Rundstrahlverhalten so optimiert, dass es exakt zum Verhalten der Mittelton-Membran passt.

Die aus dieser ersten Optimierung resultierende Membranform ist meist nicht perfekt für eine verzerrungs- und verfärbungsarme Reproduktion des Mitteltonbereichs geeignet. Diese gilt es ebenfalls zu verbessern, was aber wiederum Einfluss auf den Hochton hat. Bis hier iterativ das gewünschte Gleichgewicht gefunden ist, kann es dauern.

Insgesamt neun CST-Chassis verwendet Pioneer im S-73-Set: Jeweils zwei arbeiten in den Front- und Surroundboxen. Je eines davon ist im schräg nach vorn abfallenden Deckel untergebracht und strahlt Atmos-gemäß an die Decke. Es wird über ein eigenes Paar Polklemmen angesteuert.

Der klassische Lautsprecherteil sitzt wie üblich vorn in der Schallwand, sein Volumen ist komplett von dem der Atmos-Chassis getrennt. Bei den als Standlautsprecher aufgebauten Frontboxen SP-EFS73 bekommt der CST-Koax Unterstützung von drei 13-Zentimeter-Tieftönern, bei den fürs Regal oder Ständer vorgesehenen kleineren Surrround-Lautsprechern SP-BS73A ist ein einzelner Dreizehner für den Bassbereich zuständig. Der Center S-C73A besitzt kein nach oben strahlendes Atmos-Chassis, aber dafür eine andere Besonderheit: Von den beiden Tieftönern ist nur der linke angetrieben, der rechte fungiert als Passivmembran. Sie ersetzt die – bei den restlichen Lautsprechern auf der Rückseite angebrachte – Bassreflexöffnung. So wollen die Entwickler auch eine wandnahe Aufstellung sowie eine Integration in die Wand ermög-lichen, was bei einem Bassreflexrohr hinten nicht möglich wäre. An diesem Detail merkt man, dass die Lautsprecher in den USA – dort ist TAD ansässig – entwickelt wurden, denn dort ist die Wandintegration von Heimkino-Lautsprechern im Gegensatz zu Deutschland gängige Praxis.

Der ebenfalls zum Elite-Set gehörende Subwoofer S-71W ist vergleichsweise konventionell aufgebaut: Als Downfiring-Woofer strahlen bei ihm sowohl das 25-Zentimeter-Chassis als auch die beiden Bassreflexrohre nach unten ab. Bei Anschlüssen und Reglern weist der Sub nur das Nötigste auf, sogar auf ein Tiefpass-Filter verzichteten die Entwickler.

Anders als beim klassischen, kanalbasierten 5.1-/7.1-Ton arbeitet Dolby Atmos mit sogenannten Ton-Objekten, die der Toningenieur frei im Raum positionieren kann. Das schließt auch die vertikale Dimension mit Höhenkanälen ein. Der Ingenieur muss beim Mastern nicht mehr überlegen, in welche Kanäle er ein bestimmtes Schallereignis mischt, damit es an der gewünschten Position hörbar wird. Diese „Übersetzungs-Arbeit“ übernimmt das Atmos-Masteringsystem für ihn. Dem Atmos-Heimkino-Receiver bleibt dann die Aufgabe, das Ereignis in der gewünschten Position mit dem vorhandenen Tonsystem optimal hörbar zu machen.

Für viele Anwender ist es allerdings wenig praktikabel Lautsprecher unter der Decke zu montieren – was für Dolby Atmos die beste und im Kino anzutreffende Lösung wäre. Die zweitbeste Lösung sind die Atmos-Enabled-Speaker des Pioneer-Sets. Sie enthalten auf ihrer Oberseite Chassis, die leicht schräg nach vorn zur Decke strahlen. Von dort wird der Schall reflektiert und vom menschlichen Gehör annähernd so wahrgenommen, als ob er wirklich an der Decke erzeugt würde. Dolby hat für diesen Zweck Lautsprecher vorgesehen, die stark richten, also wenig nach vorn zum Zuhörer abstrahlen, damit sie nicht von vorn, sondern nur von der Decke wahrgenommen werden. Beim Pioneer-Set ist dies jedoch nicht der Fall, die verwendeten Koax-Chassis strahlen über einen großen Frequenzbereich sehr breit ab.

Dank ausgefeilter Geometrie bieten die Koax-Chassis des Pioneer-Sets ein homogenes Klangbild mit punktgenauer Abbildung.

Dank ausgefeilter Geometrie bieten die
Koax-Chassis des Pioneer-Sets ein homogenes
Klangbild mit punktgenauer Abbildung.

Per Reflexion von der Decke sollen die Atmos-Chassis des Pioneer-Sets getrennte Lautsprecher für die Höhen-Kanäle überflüssig machen.

Per Reflexion von der Decke sollen die Atmos-Chassis des Pioneer-Sets getrennte Lautsprecher für die Höhen-Kanäle überflüssig machen.

Tonqualität Surround

Wie die Messwerte des Pioneer-Subwoofers zeigen, kann konventionell auch gut heißen: Für ein 25er-Chassis sind seine 103 Dezibel Maximalpegel mehr als ordentlich und die 33 Hertz untere Grenzfrequenz aller Ehren wert. Sein Frequenzgang verläuft im entscheidenden Bereich linear.

Der Pioneer-Subwoofer bringt nur die fürs Heimkino essentiellen Anschlüsse und Einstellregler mit. So sucht man einen Tiefpass-Filter vergebens.

Der Pioneer-Subwoofer bringt nur die fürs Heimkino essentiellen Anschlüsse und Einstellregler mit. So sucht man einen Tiefpass-Filter vergebens.

Die Verläufe von Front, Center und Surround zeigen einige Unebenheiten, die aber keinen Grund zur Besorgnis aufkommen lassen: Bei den Welligkeiten zwischen einem und zwei Kilohertz handelt es sich um Reflexionen an den Kanten der Gehäuse-front. Diese treten nur auf Achse so deutlich in Erscheinung, etwas seitlich davon gehen sie stark zurück. Die Anhebung oberhalb von 10 Kilohertz soll den Abfall seitlich der Achse in diesem Bereich – physikalisch kaum zu vermeiden und im Rundstrahldiagramm deutlich zu erkennen – kompensieren.

Beim ob der edlen TAD-Herkunft des Sets mit Spannung erwarteten Hörtest gab es zu unserer Freude keinerlei Enttäuschung: Aus dem Stand – aber nicht frisch aus dem Karton, denn die Entwickler baten sich 100 Stunden Einspielzeit aus – überzeugte die Kombi durch einen überaus homogenen, extrem präzisen und ortungsscharfen Klang. Nebenbei bemerkt: Das Einspielen lohnt sich, das Set klang anfangs gebremster und unbeteiligter.

Sowohl Chassis als auch Bassreflexöffnungen des Pioneer-Subwoofers strahlen zum Fußboden hin.

Sowohl Chassis als auch Bassreflexöffnungen des Pioneer-Subwoofers strahlen zum Fußboden hin.

Ein echtes Erlebnis mit den Pioneer-Boxen ist gut aufgenommene Mehrkanal-Musik: Ob nun Jane Monheit und John Pizarelli Gershwins „They Can‘t Take That Away From Me“ zum Besten geben oder Dave Matthews und Tim Reynolds ihr „Crash Into Me“, das Set gibt der Musik nahezu vollständig freie Bahn und stellt sie äußerst glaubwürdig und flüssig in den Raum. Nie gibt es Unsicherheit ob unscharfer Abbildung, nie müssen sich die Hörer anstrengen, ein bestimmtes Detail punktgenau im Raum zu orten – schlicht ein Genuss.

Werden für Rockmusik á la 3 Doors Down die Ärmel hochgekrempelt, ist das Pioneer-Set ebenfalls bei der Musik, aber nur mit einem leistungsfähigen Verstärker im Kreuz – was bei dem niedrigen Wirkungsgrad von rund 81 Dezibel nicht verwundert. Aber auch dann vermissten wir etwas Dynamik, was der insgesamt vergleichsweise kleinen Membranfläche der Chassis geschuldet ist. Der Sub lässt dagegen nichts anbrennen, er bringt Bassdrum-Schläge knochentrocken und mit Wucht.Das zeigt er auch bei „Terminator – die Erlösung“, wo er aus seiner nicht gerade üppigen 160 Watt Verstärkerleistung erstaunliches an Tieftonpegel herausholt. Was auch für den Rest des Ensembles gilt, Dialoge bleiben auf allen Plätzen wunderbar verständlich, Raumklang ist wirklich räumlich, und die Lautsprecher mischen sich kaum ein. Da nimmt man die minimal gebremste Dynamik gern in Kauf.

Wer sich keine neuen Frontboxen mit eingebauten Atmos-Membranen zulegen möchte und an der Decke keine Lautsprecher platzieren will oder kann, für den gibt es sogenannte „Add on Speaker“. Dieser Terminus stammt von Dolby und bezeichnet Aufsatzlautsprecher, die auf den Front- und Surroundboxen platziert werden und mit leichtem Neigungswinkel an die Decke strahlen – genau wie die Atmos-Membranen im Pioneer-Set. Die Auswahl ist allerdings noch gering.

Bereits im Herbst brachte Onkyo die SKH-410 auf den Markt. Mit einer Auflagefläche von 12 x 15 Zentimetern dürfte der in Schwarz erhältliche Winzling auf den meisten Boxen Platz finden, er lässt sich aber auch an die Wand montieren. Passend zur gehobenen R-Serie hat KEF den Aufsatzlautsprecher R50 im Programm, der wie seine Geschwister auf KEFS Uni-Q-Treiber setzt. Paar-Preis der nur in Hochglanzschwarz erhältlichen Box: 800 Euro. Auch Elac will bis zur High End Messe im Mai mit einer Aufsatzlösung auf den Markt kommen. Technische Details und Preise sind noch nicht bekannt, aber es wird sie in vier Farbvarianten geben.

KEF: Mit einem Paarpreis von 800 Euro ist die KEF-Box R50 derzeit die High-End-Lösung.

KEF: Mit einem Paarpreis von 800 Euro ist die KEF-Box R50 derzeit die High-End-Lösung.

ELAC: Die Kieler kommen im Mai mit ihrem ersten Add-On-Speaker auf den Markt.

ELAC: Die Kieler kommen im Mai mit ihrem ersten Add-On-Speaker auf den Markt.

Onkyo hat die mit 130 Euro pro Paar günstigsten Atmos-Aufsatzboxen im Programm.

Onkyo hat die mit 130 Euro pro Paar günstigsten Atmos-Aufsatzboxen im Programm.

Front- und Surroundlautsprecher bieten jeweils für die Höhen-Sektion und die nach vorn abstrahlende Abteilung getrennte Anschlüsse.

Front- und Surroundlautsprecher bieten jeweils für die Höhen-Sektion und die nach vorn abstrahlende Abteilung getrennte Anschlüsse.

Tonqualität Stereo

Wie zu erwarten schütteln die Pioneer-Frontboxen auch Stereo-Musik locker aus dem Ärmel und sind dabei bis zu mittleren Pegeln keineswegs auf Subwoofer-Unterstützung angewiesen. „Jazz at the Pawnshop“ kommt wunderbar räumlich, und löst sich verblüffend gut von den Lautsprechern. Mit Stimmen und ihrer Klangfärbung gehen die Boxen sehr sorgsam um, wie einmal mehr „Tiden Bara Gar“ von Theres Juel zeigt. mino

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pioneer-wertung

AuVi_AWARD-Innovation

AuVi_AWARD-Highlight

AV-Fazit

85 sehr gut

Bereits klassische 5.1-Abmischungen klingen auf Pioneers S-73-Set hervorragend. Mit entsprechenden Atmos-Titeln sorgen die zusätzlichen Höhen-Chassis dann für ein räumliches Klangerlebnis der Extraklasse, auch wenn die Direktionalität nicht an eine Deckenlautsprecher-Lösung heranreicht.

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