KEF R-SET Dolby Atmos (Test)

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Das R-Set von KEF spielte klanglich schon immer in der Oberliga. Dank der innovativen Atmos-Module, die man einfach auf die vorhandenen Boxen stellt, versorgt es den Zuhörer jetzt auch mit Sound von oben. Wir haben uns das clevere System mit den R700- und R500-Standboxen angehört.

R-Serie-pcAuf eine durchaus bewegte Geschichte kann das 1961 in England gegründete Traditionsunternehmen KEF zurückblicken. Gegründet wurde es von Raymond Cooke, der bei der Entwicklung seiner Lautsprecher eng mit seinem früheren Arbeitgeber, der BBC, zusammenarbeitete. Ergebnisse dieser Kooperation waren eine Reihe von Studio-Monitoren, die noch heute einen legendären Ruf genießen. So zum Beispiel der kleine Zweiweg-Monitor LS3/5A, der – für die 1960er-Jahre sensationell – in sechsstelliger Stückzahl gefertigt wurde.

Cooke war einer der innovativsten Köpfe der HiFi-Industrie. So setzte er beispielsweise als einer der Ersten Kunststoff-Membranen ein. Ebenfalls früher als viele seiner Mitbewerber verstand Cooke die Bedeutung des Computers für die Entwicklung von Lautsprechern. Auch beim Einsatz von Neodym als Magnetmaterial war er Pionier, schon in den 1980er-Jahren verwendete KEF es bei einigen Chassis. KEF überlebte die wirtschaftlichen Probleme der Branche und gehört heute zum asiatischen Konzern Gold Peak (wie übrigens auch Arcam und Celestion). Die frühzeitige Erfahrung mit Neodym war zudem der Schlüssel für die Technologie, die KEF heutzutage den größten Bekanntheitsgrad verschafft: den Uni-Q-Koaxiallautsprecher.

Außergewöhnliche Technik

R-Serie-Gehauese-innen

Das transparente CAD-Modell des Lautsprechers illustriert die zahlreichen, mittels Computersimulation optimierten Versteifungen in den Gehäusen der R-Serie.

Nur mit diesem besonders kraftvollen Material konnte der Antrieb für den Hochtöner so klein ausfallen, dass er in das Zentrum eines Tiefmittelton-Chassis passte und keine Kompromisse bei dessen Bauweise und Wiedergabequalität erforderlich machte. KEF ist mittlerweile so überzeugt von der hauseigenen, durchaus aufwändig zu fertigenden Koaxialtechnik, dass der Hersteller sie in allen Lautsprecherserien mit Ausnahme der preisgünstigen C-Baureihe einsetzt.

Für die R-Serie, aus der das getestete Lautsprecher-Set besteht, entwickelte KEF eine spezielle Variante des Uni-Q, die auf der Technologie des hauseigenen Top-Lautsprechers „Blade“ basiert. Sowohl bei den Frontlautsprechern R700 als auch beim Center R200c und den beiden Surrounds R500 positionierten die Entwickler den Koax mittig zwischen zwei mit Compound-Membranen aus Aluminium und Papier versehenen Tieftönern. Diese werden von der integrierten Frequenzweiche jeweils mit Signalen unter 500 Hertz beschickt. Bis knapp 3 Kilohertz ist dann die Konus-Schwingeinheit des Uni-Q-Chassis zuständig. Diese besteht aus einer Aluminium-Mangan-Legierung und weist radiale Prägungen auf. Diese versteifen die Membran merklich und sorgen dafür, dass störende Resonanzen erst weit oberhalb seines Übertragungs­bereichs auftreten und damit von der Frequenzweiche komplett weggefiltert werden. Ab 3 Kilohertz übernimmt dann die zentral angeordnete 25-Millimeter-Kalotte aus Aluminium, die vom Hersteller mit (nicht näher spezifizierten) Dämpfungsmaßnahmen gegen störende Resonanzen versehen wurde.

Komplettset-KEFa3

Atmos-Box zum Draufstellen

Die Atmos-Zusatzboxen R50 strahlen hingegen nur über ein Koax-Chassis Schall ab, eine Tiefton-Unterstützung ist für diese Anwendung nicht notwendig. Die Schallwand der R50 ist um 20 Grad angewinkelt, die Chassis strahlen deshalb Atmos-gerecht schräg zur Decke hin ab. Die R50-Module sind genauso breit wie die R500-Standboxen (daher vermutlich auch der Name). Beim etwas voluminöseren R700-Modell gibt es hingegen keine „Aus einem Guss“-Optik. Vielleicht bringt KEF ja noch ein etwas breiteres R70-Atmos-Modul auf den Markt.
Auffällig bei der gesamten R-Serie ist der fließende Übergang der Chassis-Membranen zur Schallwand, nahezu ohne vorspringende oder zurückweichende Kanten, mit auffällig schmalen Spalten zwischen Verkleidungen und Schwingeinheiten und völlig ohne sichtbare Verschraubungen. Diese Bauweise hat keineswegs nur optische Gründe, sondern minimiert Kantenreflexionen und eine dadurch ausgelöste Diffraktion im Hochtonbereich. Letztere beeinträchtigt häufig die räumliche Wiedergabe, weil sie zusätzliche virtuelle und leicht zeitverzögerte Schallquellen hinzufügt und Impulse damit sozusagen „verschmiert“.

Die in Bassreflextechnik ausgeführten Gehäuse von Front, Center und Surroundboxen weisen ein für ihre Größe durchaus respektables Gewicht auf, da sie innen aufwändig versteift sind, was Gehäuse­schwingungen zuverlässig unterdrückt. Die genauen Positionen der Versteifungen ermittelten die Entwickler mit Computer-Simulationsprogrammen (siehe Schaubild oben).

 

Bass von der Seite

Den Tiefton-Part im Atmos-Set von KEF übernimmt der Subwoofer R400b. Er arbeitet mit der so genannten impulskompensierten Bauweise. Seine beiden Chassis sind in den Seitenwänden integriert und sitzen sich genau gegenüber, ihre auf das Gehäuse übertragenen Kräfte gleichen sich deshalb exakt aus, was für weniger Vibrationen und Verzerrungen sorgt.

Über die Regler für Pegel und Trennfrequenz hinaus bietet der Sub auch Schalter für die Phase und eine zweistufige Bassanhebung bei 40 Hertz. Als Hochpegel-Eingänge verwendet KEF bei ihm nicht wie üblich Schraub-Anschlüsse, sondern eine spezielle Eingangsbuchse mit vier Kontakten. Der passende Stecker liegt dem Gerät bei.

Brückenlos: Mit Hilfe der beiden Drehknöpfe lassen sich die Terminals für Tief- und Hochtonbereich zwecks Bi-Wiring oder -Amping auftrennen. Blech- oder Drahtbrücken sind unnötig.

Brückenlos: Mit Hilfe der beiden Drehknöpfe lassen sich die Terminals für Tief- und Hochtonbereich zwecks Bi-Wiring oder -Amping auftrennen. Blech- oder Drahtbrücken sind unnötig.

Tonqualität Surround

Sämtliche Frequenzgänge zeigen einen ausgewogenen Verlauf, allenfalls ist bei allen Boxen eine minimal zum Hochtonbereich fallende Tendenz zu beobachten. Der Subwoofer erarbeitet sich mit seiner unteren Grenzfrequenz von 33 Hertz und dem Maximal­pegel von 103 Dezibel zwar nicht gerade Spitzenwerte, lässt aber auch keine klanglichen Schwächen befürchten. Den Atmos-Boxen R50 fühlten wir gesondert auf den Zahn, denn die strahlen ja weniger in Richtung Zuhörer, als zur Decke in den Raum. Deshalb ist der Frequenzgang inklusive aller Raumreflexionen für ihren Klang aussagekräftiger als der normalerweise ermittelte ohne die Reflexionen.

Und der war durchaus ausgewogen, was eine ausgeglichene Klangbalance erwarten lässt. Auch ermittelten die Tester das Rundstrahlverhalten der R50, und zwar anders als beim Center bis zu einem Winkel von 90 Grad. Hier zeigte sich, dass KEFs Atmos-Lautsprecher eigentlich etwas zu breit abstrahlen. Diese für normale Lautsprecher willkommene Eigenschaft ist für den Atmos-Einsatzzweck nicht so günstig: Denn selbst wenn der Direktschall vom Lautsprecher wie hier unter einem Winkel von 90 Grad mit etwa 10 bis 12 Dezibel leiser wiedergegeben wird als der auf Achse, stört er das menschliche Gehör bei der Ortung der Schallquelle, weil er früher eintrifft als der reflektierte Schall von der Decke. Und von dort soll er ja eigentlich hörbar werden und nicht von vorn und hinten.

Der Atmos-Effekt

So die Theorie, doch zum Glück zeigt sich in unserem Hörraum schnell, dass dies den Spaß an der neuen Technik kaum beeinträchtigt. Der Klang von oben ist bei entsprechend abgemischtem Material wie dem Science-Fiction-Drama „Gravity“ stets wahrnehmbar und eine wirkliche Bereicherung zum klassischen Klangerlebnis. Man wähnt sich wirklich im All schwebend, die Klänge hüllen die Zuhörer regelrecht ein. Auch bei „Ecstasy of Gold“ von Metallica fühlt man sich mehr ins Klanggeschehen hineinversetzt und noch mehr wie in einem echten Konzert. Bei direktionalen Effekten von oben muss man gegenüber einem echten Set mit an der Decke montierten Boxen aber Einschränkungen hinnehmen. Wenn beispielsweise in „The Expendables 3“ ein Hubschrauber über die Köpfe fliegt, ist der zwar von oben zu hören, allerdings auch von vorn und hinten. Hier spielt der Direktschall von den Atmos-Boxen dem Gehör einen Streich.

Eine große Hilfe für die Wirkung der Atmos-Effekte ist das fein aufgelöste, luftige und trotzdem ungemein präzise Klangbild des gesamten Sets. Da machen selbst Blu-Rays ohne Atmos-Tonspur einen immensen Spaß. Ob Omar Hakim „ListenUp!“ mit seiner Band erklingen oder in „Ice Age – Jetzt Taut´s“ Manny das Mammut ins Dampfgeysir-Mienenfeld stürmt, das Set behält auch bei komplexen Passagen und hoher Lautstärke immer die Übersicht. Feine Details arbeitet es akribisch heraus und räumliche Information stellt es mit traumwandlerischer Sicherheit dar. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes großes Kino.

Die Atmos-Aufsatz-Boxen R50 von KEF werden bei unserem Set auf die vorhandenen Lautsprecher R700 und R500 gestellt. Die Module strahlen schräg zum Hörplatz an die Decke und sorgen für einen überraschend guten Höhen-Sound.

Die Atmos-Aufsatz-Boxen R50 von KEF werden bei unserem Set auf die vorhandenen Lautsprecher R700 und R500 gestellt. Die Module strahlen schräg zum Hörplatz an die Decke und sorgen für einen überraschend guten Höhen-Sound.

Normale Schallereignisse besitzen neben der horizontalen auch eine vertikale Komponente. Das menschliche Gehör kann – wenn auch begrenzt – die Höhe dieser Ereignisse wahrnehmen. Das mit 5.1-/7.1-Kanälen wiederzugeben ist nicht möglich. Schon länger wollte man dieses Manko mit zusätzlichen Deckenlautsprechern beheben, allerdings gab es dabei unterschiedliche Verfahren, die nicht kompatibel waren. Diesem Umstand setzt Dolby mit dem Atmos-System ein Ende.

Die entscheidende Neuerung bei Dolby Atmos betrifft nicht die Wiedergabe, sondern das Mastering. Denn dies ist, anders als bei 5.1-/7.1-Ton nicht mehr kanalbasiert, sondern arbeitet mit sogenannten Klang-Objekten, die der Toningenieur frei im Raum positionieren kann. Das schließt die vertikale Dimension mit Höhenkanälen ein. Der Ingenieur muss nicht mehr überlegen, in welche Kanäle er ein bestimmtes Schall­ereignis mischt, damit es an der gewünschten Position hörbar wird, das erledigt das Atmos-Masteringsystem. Dem Heimkino-Receiver bleibt dann die Aufgabe, das Ereignis in der gewünschten Position mit dem vorhandenen Tonsystem optimal hörbar zu machen.

Doch was, wenn wie so oft es nicht möglich ist, im Wohnzimmer Boxen auch an die Decke zu montieren? Dafür hat Dolby die sogenannten „Atmos Enabled“-Speaker konzipiert: Sie enthalten auf ihrer Oberseite Chassis, die leicht schräg nach vorn zur Decke hin abstrahlen. Von dort wird der Schall reflektiert und vom menschlichen Gehör dann annähernd so wahrgenommen, als ob er wirklich an der Decke erzeugt würde. Solche „Atmos Enabled“-Lautsprecher können sowohl ein fester baulicher Bestandteil eines Lautsprechers sein (wie beim Pioneer S-73-Set, Test in audiovision 3-2015) oder – wie im Fall des getesteten KEF-Sets – als Zusatzlautsprecher einem vorhandenen Boxenset optional hinzugefügt werden.

Der Frequenzgang der Atmos-Boxen im Raum ist recht ausgeglichen. Die Schwankungen im Bass zwischen 50 und 300 Hertz sind auf Raummoden zurückzuführen und kein Fehler des Lautsprechers.

Der Frequenzgang der Atmos-Boxen im Raum ist recht ausgeglichen. Die Schwankungen im Bass zwischen 50 und 300 Hertz sind auf Raummoden zurückzuführen und kein Fehler des Lautsprechers.

Das Sonogramm zeigt das Rundstrahlverhalten der Atmos-Zusatzbox: Auch unter einem Winkel von 90 Grad (oben/unten) strahlt die R50 im Mitteltonbereich immer noch Pegel ab, die nur 10 bis 12 Dezibel (in der Grafik gelb dargestellt) unter dem auf Achse (Mitte) liegen.

Das Sonogramm zeigt das Rundstrahlverhalten der Atmos-Zusatzbox: Auch unter einem Winkel von 90 Grad (oben/unten) strahlt die R50 im Mitteltonbereich immer noch Pegel ab, die nur 10 bis 12 Dezibel (in der Grafik gelb dargestellt) unter dem auf Achse (Mitte) liegen.

Tonqualität Stereo

Mit großer Hingabe stellen die R700 auch Stereo-Musiktitel in den Raum. Egal ob Marc Cohn sein „Walking in Memphis“ darbietet, Simon Phillips auf seiner CD „Protocol II Moments of Fortune“ zelebriert oder die Beatles auf der neu abgemischten „Let it Be… Naked“ ihr „Get Back“ zum Besten geben, die KEFs bringen das stets präzise, fein aufgelöst und mit fast dreidimensional wirkender Räumlichkeit. Auf einen Subwoofer sind sie dabei nicht angewiesen, sondern bringen tiefe Töne auch ganz allein sauber, tief und druckvoll.

Der Testbericht KEF R-SET (Gesamtwertung: 90, Preis/UVP: 8750 Euro) ist in audiovision Ausgabe 10-2015 erschienen.

Der entsprechende Testbericht ist in unserem Shop als PDF-Dokument zum Download erhältlich.

AV-Fazit

90 Sehr gut

Schon als 5.1-Set ist das R-Set ein Highlight und lässt die meisten Mitbewerber hinter sich. Dank der Atmos-Erweiterung, für die es von uns eine Innovations-Auszeichnung gibt, spielt es mit entsprechendem Material in einer eigenen Liga.
Michael Nothnagel

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